Film Daten

Titel:
Tokyo Drifter
Originaltitel:
Land & Jahr:
Japan 1966
Laufzeit ca.: ?
80 Min.
Regie:
Seijun Suzuki
Darsteller:
Tetsuya Watari
Chieko Matsubara
Hideaki Nitani
Ryuji Kita
Tsuyoshi Yoshida
Hideaki Esumi
Tamio Kawaji
Eiji Go
Alternativtitel:
• Abrechnung in Tokio
• Tokyo Drifter - Der Mann aus Tokio
• The Man from Tokio
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - Rapid Eye Movies
Label:
Rapid Eye Movies
Regionalcode / Norm:
0 / PAL
Bild / Zeit:
2.35:1 (anamorph) / 82:21
Sprachen/Ton:
Deutsch - DD 2.0
Japanisch - DD 2.0
Untertitel:
Deutsch
Extras:
  • Interview mit Seijun Suzuki
  • Bildergalerie
  • Trailer
  • weitere Trailer: Battles Without Honor & Humanity / Branded to Kill

Tokyo Drifter

Review

Tokyo Drifter - Logo

(Ein Review von Carsten Henkelmann)

Nachdem sein Boss Kurata (Ryuji Kita) das Syndikat aufgelöst hat, versucht Tetsu (Tetsuya Watari) zusammen mit ihm ein anständiges Leben zu führen. Durch einen Trick gelangt aber Kurata in die Schuld des gegnerischen Yakuza-Clans von Otsuka (Hideaki Esumi), der Tetsu aus dem Weg wissen will. Da Tetsu seinem Herrn treu ergeben ist und ihn von allen Schwierigkeiten befreien möchte, gibt er vor in Urlaub fahren zu wollen. Aber auch außerhalb Tokios ist Tetsu seines Lebens nicht sicher ...

Tokyo Drifter - ScreenshotTokyo Drifter - Screenshot

Tokyo Drifter, der im deutschen Fernsehen unter dem Titel Abrechnung in Tokio lief, porträtiert das Leben eines Mannes, dem es durch äußere Einflüsse nicht möglich ist, sein Leben als ex-Yakuza hinter sich zu lassen und ganz neu anzufangen. Ziellos wandert er von einem Ort zum anderen, aber nirgendwo findet er Ruhe oder einen Halt, denn immer sind ihm frühere Feinde auf den Fersen. Er wird zum "Herumtreiber", zum "Vagabund von Tokyo" wie er sich selbst nennt. Und dies geschieht aus tiefster Loyalität zu Kurata, seinem Boss und wohl auch sowas wie ein Ersatzvater, der ihn beschützte und dem er jahrelang diente.

Dabei ist Tetsu eigentlich ein Mann, vor dem sich seine Gegner fürchten, selbst nach der Abschwörung von Gewalt. Aber mit der Auflösung des Syndikats sind nicht automatisch auch alle Feindschaften verschwunden. Will er weiterhin überleben, so muss er sich zwangsläufig zur Wehr setzen, auch wenn dies seiner inneren Einstellung wiederspricht. Zu einem ganz normalen Leben ist er aber abseits der täglichen Gewaltspirale trotzdem nicht in der Lage. Denn seine Loyalität zu Kurata geht sogar soweit, dass er seine Freundin Chiharu (Chieko Matsubara) schon beinahe ignoriert bei ihren Versuchen mehr Interesse für sie zu wecken. Auch will er von einer Heirat mit ihr nichts wissen, als dies Kurata erwähnt, da er seinem Boss treu zur Seite stehen möchte.

Tokyo Drifter - ScreenshotTokyo Drifter - Screenshot

Dies führt nun dazu, dass Tetsu ein im Grunde genommen recht einsamer Mann ist und bleibt. Alte Werte verlieren langsam ihre Bedeutung, der Ehrenkodex der Yakuza wird durch Leute wie Otsaku immer mehr verzerrt oder komplett ignoriert, wenn er den eigenen Zielen im Weg steht. Tetsu gehört zu einer aussterbenden Rasse, denen Loyalität noch etwas bedeutet. Er wandert in einer Welt, die sich verändert und findet keinen Platz zu dem er gehört. Jeden befreundeten Partner den er besucht, wird durch und wegen ihn gleich mit in die Auseinandersetzungen gezogen. Nur in dem Einzelgänger-Yakuza Kenji Aizawa (Hideaki Nitani) findet er sowas wie einen Freund, einen Mann der zu ihm hält und ihm auch in brenzligen Situationen hilft. Und das obwohl Kenji früher selbst zu einem gegnerischen Clan gehörte. Während Kenji sich aber mit seiner Situation arrangiert hat und bestens damit zurechtkommt, ist Tetsu noch auf der Suche nach Stabilität und Ruhe.

Dabei fühlt man sich des öfteren an diverse Western erinnert. Tetsu könnte gut der einsame Revolverheld sein, auf den ein Kopfgeld ausgesetzt wurde. Die markante Musik des Films, die den Charakter Tetsu in den Songtexten noch weiter beschreibt und von den Hauptcharakteren im Film sogar stellenweise selbst gesungen wird, wirkt in einer ähnlichen Form auf den Zuschauer wie die bekannten Western-Scores. Nach einigen Wiederholungen bekommt man die Melodien kaum aus dem Kopf und man assoziiert die Musik sofort mit dem Film. Die Verbindung zum Western wird aber spätestens dann offensichtlich, wenn Tetsu in einer Stadt in einem auf Saloon getrimmten Nachtclub in eine zünftige Schlägerei hineingezogen wird. Dies ist dann auch so ziemlich die einzige Sequenz im Film, in dem sich Humor breit macht, während der Rest des Films mit sehr viel Ernst vorgetragen wird. Aber ebenso besitzt Tokyo Drifter durch den Loyalitäts-Aspekt auch eine Nähe zum klassischen Samurai-Film.

Tokyo Drifter - ScreenshotTokyo Drifter - Screenshot

Verpackt wurde dies Yakuza-Drama in einem außergewöhnlichen Gewand. Die Filme von Seijun Suzuki zeichneten sich häufig durch eine gekonnte, manchmal schon künsterlisch anmutende Stilisierung und dem Spiel mit Farben aus. So auch in Tokyo Drifter, der sogar Pop-Art Gefilde streift. Der Film beginnt mit einer schwarz-weiß-Sequenz auf einem Hafengelände und dieser Prolog bleibt fast komplett monochron. Nur durch einen kurzen Flashback und eine besondere Akzentuierung bestimmter Elemente gelangt Farbe ins Spiel. Erst wenn der Vorspann beginnt, wird Tokyo Drifter zu einem "richtigen" Farbfilm. Und Farbe ist ein wichtiges Stilmittel Suzukis um in Tokyo Drifter die Geschichte zu erzählen. Dabei erreichen manche Szenen sogar einen leichten Grad von Surrealismus. Zum Beispiel färbt sich in einer Szene eine Wand nach einem Kugeltreffer halb rot. Als die Person stirbt ist sie schließlich komplett rot.

Auch bei der Kleidung weicht Suzuki von der Norm ab. In den typischen Yakuza-Thrillern, klassischen wie modernen, tragen die Gangster fast immer schwarze Kleidung. In Tokyo Drifter ging Suzuki aber den fast entgegengesetzten Weg. Sind Tetsus Gegner immerhin mit brauner oder grauer Kleidung noch im gängigen Rahmen gekleidet, so hat Tetsu grundsätzlich immer sehr helle Kleidungsstücke an. Im Gegensatz zu den "dunklen" Gangstern, erscheint Tetsu als scharfer Kontrast in hellblauen oder weißen Anzügen. Jede Szene erscheint genaustens ausgearbeitet, was sich vor allem an der hervorragenden Kameraarbeit und Bildkomposition erkennen läßt, auch wechselt manchmal ganz bewußt die Beleuchtung innerhalb einer Szene. Das Finale, das sich in einem Nachtclub abspielt, erscheint durch die Kulissen beinahe wie ein Theaterstück, in dem die Action einer genauen Choreographie folgt. Suzuki nutzt erfolgreich das Breitbild-Format zur künstlerischen Gestaltung seiner Szenen und bietet somit einiges für das Auge des Zuschauers.

Tokyo Drifter - ScreenshotTokyo Drifter - Screenshot

Ganz kritisch betrachtet, könnte man Tokyo Drifter eine gewisse Inhaltsleere attestieren, da im Grunde genommen nicht sehr viel passiert oder der Film gar anspruchsvoll wäre. Allerdings gelang es Suzuki durch seine Art der Inszenierung dem Zuschauer mehr zu vermitteln als nur durch einfache Dialoge. Auch wenn der Film als B-Movie entstand, so wirkt er doch wie geschaffen fürs Arthouse-Kino. Suzuki machte aus einer trivialen Geschichte ein Kunst- und Meisterwerk für die Leinwand, das man sich gerne ein zweites Mal anschaut um noch mehr Details zu erfassen.

Gedreht wurde der Film im März und April 1966 für die Nikkatsu Studios. Das Drehbuch bekam Seijun Suzuki erst 10 Tage vor Drehbeginn zu sehen und auch sonst schrieb das Studio sehr viel vor. So wurde z.B. verlangt, dass Hauptdarsteller Tetsuya Watari das Titelstück singt und viel Musik in den Film integriert wird. Ebenso verlangte das Studio auch noch eine zusätzliche Szene am Ende des Films, die Suzuki auch mit Tetsuya Watari und Hideaki Nitani drehte. Dafür brauchte man allerdings 2 Tage und das sehr künstlerische Ergebnis gefiel den Produzenten überhaupt nicht. Somit wurde diese Szene nie verwendet. Zu seiner Zeit wurde Tokyo Drifter kaum wahrgenommen. Erst im Laufe der Jahrzehnte wurde der Film als ein kleines Meisterwerk wahrgenommen.

Tokyo Drifter - ScreenshotTokyo Drifter - Screenshot

Neben Tokyo Drifter dreht Seijun Suzuki noch einige andere Yakuza-Thriller. Darunter z.B. Underworld Beauty (Ankokugai no bijo, 1958), Jagd auf die Bestie (Yaju no seishun / Youth of the Beast, 1963) oder Beruf Mörder (Koroshi no rakuin / Branded to Kill, 1967), aber auch ernstere Dramen wie Gate of Flesh (Nikutai no mon, 1964), Story of a Prostitute (Shunpu den, 1965) oder Mystery-Filme wie Zigeunerweisen (Tsigoineruwaizen, 1980) und ist auch heutzutage noch ein wenig aktiv, wie Pistol Opera (Pisutoru opera) aus dem Jahre 2001 beweist. Tetsuya Watari sah man unter anderem noch in Graveyard of Honor (Jingi no hakaba, 1975), Yakuza Graveyard (Yakuza no hakaba: Kuchinashi no hana, 1976) und in einer kleinen Nebenrolle tauchte er auch noch in Takeshi Kitanos Brother (2000) auf. In Dolls, ebenfalls ein Film von Kitano, trat später auch noch Chieko Matsubara auf.

Hideaki Nitani hingegen trat neben Underworld Beauty (Ankokugai no bijo, 1958) auch in Keiju Eigas, also japanischen Monsterfilmen wie Frankenstein - Der Schrecken mit dem Affengesicht (Furankenshutain tai chitei kaijû Baragon, 1965) auf oder Exploitationware wie Mr. Kugelblitz schlägt zu (Ajia himitsu keisatsu, 1966). Ryuji Kita begann schon in den 1930er Jahren mit der Schauspielerei und ihn sah man z.B. noch in Sommerblüten (Higanbana, 1958), Spätherbst (Akibiyori, 1960) und Ein Herbstnachmittag (Sanma no aji, 1962) von Yasujiro Ozu. Aber auch er kam nicht an den Monstern vorbei, wie Guila - Frankensteins Teufelsei (Uchu daikaijû Girara, 1967) und King-Kong, Frankensteins Sohn (Kingukongu no gyakushu, 1967) beweisen. Hideaki Esumi spielte in einige weiteren Filmen von Suzuki mit, aber auch noch in Dodeskaden - Menschen im Abseits (Dô desu ka den, 1970) von Akira Kurosawa und A Woman Called Sada Abe (Jitsuroku Abe Sada, 1975).

Tokyo Drifter - ScreenshotTokyo Drifter - Screenshot

In Deutschland ist Tokyo Drifter auf DVD von Rapid Eye Movies veröffentlicht worden, nachdem ansonsten höchstens auf eine britsche DVD oder die US-DVD von Criterion zurückgreifen konnte, die allerdings schon so einige Jahre auf den Buckel hat und qualitativ nicht gerade zur obersten Liga gehört. Die Rapid Eye DVD sieht das schon besser aus, weil sie im Gegensatz zur Criterion ein anamorphes Bild bieten kann. Die Vermutung liegt nahe, dass hier auf das Master der britischen DVD von Second Sight zurückgegriffen werden konnte. Aber perfekt ist das trotzdem noch lange nicht. Auffällig ist vor allem die durchschnittliche Schärfe und Nachzieheffekte, die auf einen PAL-Transfer von einer NTSC-Quelle schließen lassen. Immerhin kommen die Farben ordentlich zur Geltung kommen (sehr wichtig bei diesem Film!). Der extreme Kontrast in der schwarz-weißen Anfangssequenz, ist übrigens ein ein gewolltes Stilmittel des Regisseurs gewesen. Der Ton liegt in seinem japanischen Original in DD 2.0 vor, sowie auch mit einer deutschen Synchronisation. Dabei handelt es sich aber vermutlich um eine TV-Synchronisation, da sie "zu neu" klingt, um aus der damaligen Zeit zu stammen. Mir ist auch nicht bekannt, ob der Film überhaupt damals in deutschen Kinos lief.

Bei solch alten Filmen aus Japan sieht es meistens eher mau aus, was das Bonusmaterial angeht, gerade im deutschsprachigen Bereich. Aber immerhin konnten Rapid Eye Movies ein Interview mit Regisseur Seijun Suzuki auftreiben. Die Criterion-DVD bot auch schon ein Interview, aber mangels eines Exemplars konnte nicht verglichen werden, ob es sich um das gleiche Interview handelt. Mit 8 Minuten ist es auch nicht sehr lang. Allerdings schien man hier auch aus einem längeren Interview nur das herausgezogen zu haben, was auch unmittelbar mit Tokyo Drifter zu tun hat. Somit gibt es immerhin ein paar kleinere interessante Informationen über die Entstehung des Films. Die Bildergalerie bietet Szenenfots, Aufnahmen von den Dreharbeiten und noch ein Postmotiv. Der japanische Trailer ist noch insofern interessant, als das man ein paar Szenen zu sehen bekommt, die im Film nicht vorkommen.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 21.04.2000
Letzte Textänderung: 24.05.2006

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