Film Daten

Titel:
Goodbye Uncle Tom
Originaltitel:
Addio zio Tom
Land & Jahr:
Italien 1971
NTSC-Laufzeit:
123:04/135:34
Regie:
Gualtiero Jacopetti
Franco E. Prosperi
Darsteller:
Alternativtitel:
• Addio, Onkel Tom!
• Farewell Uncle Tom
• Uncle Tom
• White Devil: Black Hell
• Zio Tom
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - Blue Underground
Label:
Blue Underground
Regionalcode / Norm:
0 / NTSC
Bild / Zeit:
2.35:1 (anamorph) / 123:04
Sprachen/Ton:
Englisch - DD 1.0
Untertitel:
-
Extras:
  • Trailer
  • Behind-the-Scenes 8mm Footage (mit Audiokommentar von Giampaolo Lomi)
  • Giampaolo Lomi's Behind-the-Scenes Gallery
  • Poster & Still Gallery

DVD Daten

DVD Cover - Blue Underground
Label:
Blue Underground
Regionalcode / Norm:
0 / NTSC
Bild / Zeit:
2.35:1 (anamorph) / 135:34
Sprachen/Ton:
Italienisch - DD 1.0
Untertitel:
Englisch
Extras:
-

Goodbye Uncle Tom

Review

Goodbye Uncle Tom - Logo

(Ein Review von Carsten Henkelmann)

Auch bei diesem Film gelang es Blue Underground den original Director's Cut zu entdecken, so dass man hier genau wie bei Africa Addio mit zwei Versionen des Films versorgt wird. In der Erwartung das der Director's Cut nur etwas länger ist, war dieser Review nach Sichtung der normalen internationalen Version eigentlich schon fast fertig geschrieben. Aber Pustekuchen. Als ich mir dann den Director's Cut vorgenommen habe und eigentlich nur sehen wollte was dort mehr ist, stellte sich schon gleich zu Beginn heraus, dass sich die beiden Versionen eklatant voneinander unterscheiden und man es im Grunde genommen mit zwei komplett unterschiedlichen Filmen zu tun hat! Deswegen muss ich diesen Review etwas aufteilen in eine Bewertung des internationalen Cuts und des Director Cuts, auch wenn man den DC normalerweise als einen eigenständigen Film betrachten müsste, aber dazu später mehr. Der Einfachheit halber werde ich die internationale Fassung im weiteren Verlauf mit IF abkürzen und den Director's Cut als DC.

Internationale Version

Mit Goodbye Uncle Tom verließen Jacopetti und Prosperi die bekannten Pfade ihrer Mondo Filme und produzierten einen etwas anders gelagerten Mondo-Film. Und zwar schufen sie einen Film, der (angeblich) auf historischen Fakten basiert, inszenierten ihn aber wie einen Spielfilm mit Schauspielern und einer großen Anzahl von dunkelhäutigen Statisten. Einen roten Pfaden in der Handlung gibt es allerdings nicht. Vielmehr werden einzelne Episoden gezeigt, die thematisch mal mehr, mal weniger zusammenpassen, aber bei denen immer der Umgang mit Sklaven im Mittelpunkt steht. Somit sind leichte Parallelen zu Mondo Cane immer noch vorhanden, auch wenn die Inszenierung eine gänzlich andere ist.

Goodbye Uncle Tom - ScreenshotGoodbye Uncle Tom - Screenshot

Der Film beginnt mit einem Abendessen einer reichen Familie die Gäste zu Besuch haben. Die Diener sind allesamt Sklaven und wenn ein Gast mal Fleisch unter den Tisch gibt, dann nicht um einen Hund dort zu füttern, sondern kleine Sklavenkinder! Eine der am Tisch sitzenden Gäste gibt sich als Harriet Beecher-Stowe aus, die davon träumt eines Tages mal einen Roman namens "Uncle Toms Cabin" (Onkel Toms Hütte) zu schreiben. Weiter geht es mit einem Sklavenschiff, das neue Ware ("Black Meat") nach Amerika bringt und wo der Händler mit Kaufwilligen um den Preis feilscht als wären die Menschen nur Vieh. Die Sklaven werden weiter auf ihren Weg begleitet und müssen nicht nur diverse Säuberungen über sich ergehen lassen, sondern die Frauen werden auch schon mal vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt. Des weiteren gibt es noch Szenen mit Sklavinnen als nächtliche Bettgesellinnen, ein Händler der sich auf weibliche Sklaven und Kinder für sexuelle Gefälligkeiten spezialisiert hat, sowie eine Hetzjagd flüchtiger Sklaven in einem Sumpfgebiet und eine "Sklavenzuchtfarm".

Das der Film in den Dialogen und in seiner Darstellung vor Rassismus nur so strotzt, dürfte nicht weiter verwundern, ist bei dieser Thematik aber auch nicht weiter überraschend. Dabei lassen Jacopetti und Prosperi sogar einen recht seltsamen Humor mit einfließen, der sich vor allem in den verschiedenen Charakteren auswirkt, mit denen sie sich unterhalten. Die Kamera stellt eine Art Beobachter dar, der von außerhalb angereist ist und sich das ganze neugierig anschaut. So kommt es auch, dass immer direkt in die Kamera gesprochen wird. Jacopetti und Prosperi geben sich als Journalisten aus, wobei die Kamera deren Perspektive einnimmt und somit auch die des Zuschauers. Eingeleitet wird der Film von einer wunderschönen Titelmusik während die Kamera im Hubschrauber über Baumwollfelder hinwegfegt. Aber wo bei den Mondo-Filmen sonst zwischendurch immer mal Platz für schöne Aufnahmen waren, bleibt das dem Zuschauer hier für den Rest des Films versagt. Allerdings ist Goodbye Uncle Tom auch bei weitem nicht so drastisch in der Darstellung blutiger Gewalt.

Goodbye Uncle Tom - ScreenshotGoodbye Uncle Tom - Screenshot

Wodurch der Film allerdings wirklich negativ auffällt ist die Darstellung der Sklaven. Da der Film als historisches Dokument verstanden werden will, spielt sich alles im Look des damaligen Jahrhunderts ab und den weißen Herrschern wurden Dialoge zugeschrieben, die wohl den Sitten und Gebräuchen der Zeit entstammen sollen. Die Frauen werden nur als pure Ware vorgestellt und auf ihre weiblichen "Verkaufsargumente" reduziert und als tüchtige Hilfen im Haushalt angepriesen. Entweder Bettgespielinn oder Küchenhilfe, eine andere Rolle wird ihnen nicht zugeschrieben. Die Vergewaltigung schwarzer Frauen ist natürlich selbstverständlich und sie haben sich zu jeder Zeit und an jedem Ort ihrem Herrn willig zu unterwerfen. Die Männer sind natürlich nur reine Arbeitstiere. Gehalten werden die Sklaven wie Vieh und in einer unglaublichen Szene auch wie Vieh aus Futtertrögen gefüttert. Spätestens hier ist es nicht verwunderlich, dass die Regisseure sich harten Attacken und des Vorwurfs des blanken Rassismus ausgesetzt sahen.

Director's Cut

Wie oben schon angekündigt, bietet der DC des Films eine ganz andere Sichtweise und Darstellung. Der größte Unterschied liegt schon mal darin, dass die IF als ein reiner Historienfilm ausgelegt ist und die Handlung sich komplett in der damaligen Zeit abspielt. Nur gegen Ende gibt es einen abrupten und auch nicht weiter erklärten Sprung in die Gegenwart, wo eine Parallelmontage beginnt zwischen einer vorgelesenen Lektüre, die die Aufzeichnungen eines damaligen Sklaven und dem Mord an seinen Herren zum Inhalt hat, und der Darstellung der gleichen Taten als moderne Rassenproblematik, in dem zwei typische Harlembrüder über weiße Familien herfallen. Dieser Sprung ist im DC sehr viel schlüssiger. Denn der Film beginnt erstmal in der Gegenwart und wechselt dabei später immer wieder zwischen den zwei Zeitepochen. So gibt es die aus der IF bekannten Szenen, meistens in einer völlig unterschiedlichen Form und Schnittfolge, und darauf dann im zeitlichen Gegenschnitt eine Darstellung der Veränderungen wie es heutzutage in der Gesellschaft aussieht.

Goodbye Uncle Tom - ScreenshotGoodbye Uncle Tom - Screenshot

Als Beispiel sei mal die Szenen mit dem Sklavenschiff ziemlich am Anfang genannt. Die Sklaven werden wie Tiere aus dem Bauch des Schiffes nach oben getrieben und man sieht wie sie von unten die Leitern emporklimmen und an Tageslicht kommen. Direkt darauf folgt eine Aufnahme, wie dunkelhäutige Prominenz in der heutige Zeit bei einer öffentlichen Gala vorfährt. Die Perspektive der Kamera, wie sie zeigt wie die Reichen und Schönen aussteigen, ist aber fast identisch zu der als die Sklaven aus dem Schiff klettern. Damals nur Ware für die weißen Herrscher, heute eigenständige Personen die selber über Macht verfügen. Auch insgesamt ist der Ton des DC bei weitem nicht so rassistisch und menschenverachtend wie in der IF. Und so zieht sich das durch den ganzen Film. Zuerst eine Darstellung damals, dann die völlig geänderten Verhältnisse heute.

Der DC nimmt eine weitaus politischere, aber dabei auch neutralere Sichtweise ein. Er beginnt mit der Nachricht der Ermordung von Martin Luther King und der daraus resultierenden Rassenunruhen, was für den internationalen Vertrieb völlig indiskutabel war und eine radikale Umformung des Films verlangten. Bevor die Anfangscredits anfangen, hat man im DC schon 16 Minuten an völlig unbekannten Szenen gesehen, die in der IF nicht enthalten sind. Und die massiven Unterschiede ziehen sich durch den ganzen Film. Im DC sind viele Szenen aus der IF nur gekürzt vorhanden oder fehlen komplett. Ersetzt werden sie durch unzählige Aufnahmen aus der Gegenwart (der Gegewart zum Zeitpunkt der Dreharbeiten natürlich) oder auch historisch ausgelegte Szenen, die in der IF nicht vorhanden waren. So gibt es im DC zum Beispiel eine Sequenz, die die Sklaven als völlig menschliche Personen darstellt, die sich auch gerne mit einer Frau vergnügen und sich wie Turteltauben in die Natur verdrücken. Solche Anzeichen der Menschlichkeit fehlen in der IF vollkommen, dort sind die Sklaven nur Tiere die nichts zu sagen haben und auch keine Gefühle entwickeln dürfen. Ebenso fehlt in der IF die Begeisterung für Musik unter den Dunkelhäutigen. Und der Hubschrauberflug über die Baumwollfelder, womit die IF beginnt, findet man im DC ganz am Ende wieder.

Fazit

Während man es bei der IF mit einem durchaus fragwürdigen Werk zu tun hat, dass sehr schnell in die Nähe des Rassismus gerät (auch wenn es genau gegenteilig gedacht ist), präsentiert sich der DC in einem völlig anderen Licht. Zwar mögen die damaligen Zeiten für die Sklaven nicht gerade rosig gewesen sein, aber die Form der Darstellung in der IF schrabt doch haarscharf an der Grenze des guten Geschmacks vorbei. Viele Zuschauer werden wahrscheinlich den Zynismus und die schwarze Ironie nicht erkennen, mit dem Jacopetti und Prosperi die weißen Herrscher darstellen wollten. Der DC hingegen ist da mehr wie ein kritischer Blick auf die Verhältnisse von damals und heute zu sehen, der in sich sehr viel schlüssiger konstruiert ist als die IF und auch als Zeitdokument irgendwie besser funktioniert. Die IF hat zwischendurch so ihre Längen und es fehlt ihr auch ein wenig an der nötigen Dramaturgie. Vor allem leidet die IF auch an einer gewöhnungsbedürftigen und manchmal recht nervigen englischen Synchronisation.

Goodbye Uncle Tom - ScreenshotGoodbye Uncle Tom - Screenshot

In beiden Filmen vorhanden ist allerdings die ohrwurmerzeugende Musik von Riz Ortolani, der nicht nur leichte Melodien komponierte, sondern auch leicht rockige Sounds, die den entsprechenden Szenen einen besonderen Drive geben. Wer irgendwo den Soundtrack dieses Films finden sollte, unbedingt zugreifen! Gualtiero Jacopetti, Franco Prosperie und Regieassistent/Production Manager Giampaolo Lomi tauchen übrigens als Sklavenjäger auf, die entflohene Sklaven wie Freiwild über den Haufen schießen. Auch diese Szenen hat in der IF einen ganz anderen Verlauf als im DC.

Jacopetti und Prosperi wollten nach den ganzen Vorwürfen nach Africa Addio einen bewußt anti-rassistischen Film machen, was aber leider nicht so bei den damaligen Kritikern angekommen ist, eher im Gegenteil. Gedreht wurde ein Teil des Films auf Haiti, da sie wegen ihrer Werke Mondo Cane und Africa Addio nicht in Brasilien einreisen durften, wie zuerst geplant. Bei Goodbye Uncle Tom handelt es sich um den ersten Film der beiden, der wie ein Spielfilm inszeniert wurde, zuvor haben sie wirklich nur reine Dokumentationen gedreht. Dieser Film stellt auch die letzte wirkliche Zusammenarbeit der beiden dar, denn bei der Produktion von Mondo Candido im Jahre 1975 trennten sich ihre Wege.

Goodbye Uncle Tom - ScreenshotGoodbye Uncle Tom - Screenshot

Die DVD der englischen Version dürfte so ziemlich die beste Bildqualität von allen Filmen aus der Mondo Cane Collection besitzen. Das ist allerdings auch nicht weiter verwunderlich, schließlich ist er fast 10 Jahre jünger als Mondo Cane und entstand nicht als reine Dokumentation sondern als Spielfilm. Gegen Farbe und Kontrast läßt sich nicht viel sagen, aber die Schärfe läßt im Detail manchmal zu wünschen übrig. Ein dezentes Bildrauschen ist wie bei allen Filmen vorhanden, Störungen des Originalmaterials sind nur selten zu sehen. Bei dieser Fassung gibt es nur die englische Synchronisation zu hören.

An Bonusmaterial gibt es ein wenig mehr als auf den anderen Scheiben der Mondo Cane Collection. Das Hauptfeature sind 50 Minuten an Behind-the-Scenes Material, das hauptsächlich auf Haiti entstanden ist. Da es sich um tonlose Aufnahmen handelt, wurde sie mit einem Audiokommentar von Giampaolo Lomi unterlegt. Sein mit einem starken italienischen Akzent versehenes Englisch ist allerdings manchmal schwer zu verstehen. Dafür bekommt man aber einen guten Eindruck wie der Film entstanden ist. Außerdem gibt aus auch unzählige Szenen zu sehen, die in keiner der beiden Fassungen auftauchen sowie auch einige andere Aufnahmen, die das das Team außerhalb der Dreharbeiten zeigen, wie z.B. bei einem Angelausflug. Lomi gibt auch zu verstehen, dass sie soviel Material gedreht haben um zwei oder gar drei Filme daraus zu machen. Das Material ist erwartungsgemäß sehr roh und weist auch einige Schäden auf, aber man erkennt immer recht gut was gerade abläuft.

Goodbye Uncle Tom - ScreenshotGoodbye Uncle Tom - Screenshot

Der Trailer, der den Film einfach nur als Uncle Tom ankündigt, beschränkt sich darauf unkommentiert etliche Szenen zu zeigen. Ein reißerischer Sprecher wie bei den Trailern der anderen Mondo-Filme fehlt hier. Giampaolo Lomi sorgte des weiteren auch für die Motive der Behind-the-Scenes Galerie. Abschließend gibt es noch eine weitere Galerie mit unzähligen Postermotiven, Aushangfotos, das deutsche Presseheft, das japanische Presseheft, Soundtrack- und Videocover.

Die Qualität des Director's Cut ist zum großen Teil identisch zur internationalen Fassung. Allerdings gibt es zu Anfang und gegen Ende einige Aufnahmen, bei denen es sich scheinbar um Archivmaterial von Nachrichtensendungen handelt. Die weisen eine deutlich stärkere Körnung und eine schlechtere Schärfe auf, was aber sicherlich am Ausgangsmaterial liegt. Auch liegen die Anfangscredits in einer deutlich schlechteren Verfassung vor, was insofern verwundert, da der Rest des Films die gewohnte Qualität aufweist. Hier gibt es nur den italienischen Originalton zu hören, zu dem man englische Untertitel hinzuschalten kann. An weiterem Bonusmaterial wurde allerdings nichts mehr hinzugefügt.

Goodbye Uncle Tom - ScreenshotGoodbye Uncle Tom - Screenshot
Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 01.12.2003

Leser-Kommentare

23.01.2006, 22:24:04 Evil Wraith

Wie bei "Africa Addio" und dem Kannibalenklassiker "Cannibal Holocaust" werden die Ureinwohner auf doch sehr naive Weise dargestellt. Bei "Africa Addio" wurde gottseidank kein Versuch der Rechtfertigung unternommen, was die Sache aber natürlich nicht unbedingt besser macht. Am schlimmsten finde ich trotzdem immer noch die plakative Unkultiviertheit der Naturvölker in Deodato's Kannibalenmassaker - Nicht mal artikulieren können sie sich, brüllen nur wie die Affen. Selbst in "Cannibal Ferox" & Co beherrschten die 'Steinzeitkollegen' wenigstens so etwas, wie Sprache.
Ouf, ich werde mich nie richtig wohl beim Betrachten solcher Streifen fühlen...

02.01.2006, 16:29:55 Christian Schulze

Eigentlich in beiden Versionen ein reichlich heftiges Werk, bei dem man nicht so genau weiß, ob das Ganze Ausgeburt einer zutiefst reaktionären Ideologie oder eher einer bitterbösen Ironie ist. Darin und auch in der beeindruckenden Kunstfertigkeit der Inszenierung ist dieser Film eigentlich allenfalls mit "Cannibal Holocaust" vergleichbar. Ein unbedingt sehenswertes, aber durchaus fragwürdiges Werk. Meiner Ansicht nach ist die IF gelungener. Die Dokumentaraufnahmen sind zwar interessant, wirken aber aus heutiger Sicht veraltet. Die IF wirkt für mich straffer und flüssiger. Man sollte aber beide Versionen gesehen haben. Von X-Rated existiert mittlerweile eine deutsche DVD, die beide Fassungen ungeschnitten (teils synchronisiert, teils untertitelt) enthält.

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann