Film Daten

Titel:
Dr. Mabuse, der Spieler
Originaltitel:
Dr. Mabuse, der Spieler
Land & Jahr:
Deutschland 1922
Laufzeit ca.: ?
269 Min.
Regie:
Fritz Lang
Darsteller:
Rudolf Klein-Rogge
Alfred Abel
Aud Egede Nissen
Gertrude Welcker
Bernhard Goetzke
Robert Forster-Larrinaga
Paul Richter
Hans Adalbert Schlettow
Georg John
Grete Berger
Julius Falkenstein
Lydia Potechina
Anita Berber
Paul Biensfeldt
Karl Platen
Alternativtitel:
• Dr. Mabuse, King of Crime
• Dr. Mabuse: The Gambler
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - Transit Film
Label:
Transit Film
Regionalcode / Norm:
2 / PAL
Bild / Zeit:
1.33:1 / 268:38
Sprachen/Ton:
Deutsch - DD 5.1
Deutsch - DD 2.0
Untertitel:
Englisch, Französisch
Extras:
  • Featurette "Mabuses Musik"
  • Featurette "Norbert Jacques, der literatische Erfinder des Dr. Mabuse"
  • Dokumentation "Mabuses Motive"
  • Fotogalerie
  • Produktionsdaten
  • Biographien

Dr. Mabuse, der Spieler

Review

Dr. Mabuse, der Spieler - Logo

(Ein Review von Carsten Henkelmann)

Der Psychologe Dr. Mabuse (Rudolf Klein-Rogge) spielt nach außen den fachlichen Arzt, aber in Wirklichkeit steckt in ihm ein Verbrecher großen Kalibers. Er sorgt für Turbulenzen an der Börse, läßt wichtige Dokumente stehlen und schreckt dabei auch nicht vor Mord zurück und betätigt sich als finsterer Kartenspieler, der seine Mitspieler hypnotisiert und sie so zum Verlieren zwingt, obwohl sie mit ihren Karten durchaus gewinnen könnten. Das ihm niemand auf die Schliche kommt liegt an seiner Verwandlungsfähigkeit. Für jede Tat schlüpft er in eine andere Verkleidung. Mal ist er ein verschrobener alter Kauz, dann ein Gentlemen und beim nächsten Mal wieder jemand ganz anderes. Auf diesem scheinbaren Phantom-Verbrecher wird der Staatsanwalt Wenk (Bernhard Goetzke) aufmerksam, der vergeblich versucht den Mann dingfest zu machen. Aber immer wieder gelingt es Mabuse Wenk zu entschlüpfen. Schließlich entführt er die Gräfin Told (Gertrude Welcker), eine Frau auf die auch Wenk ein Auge geworfen hat. Ihren Mann bringt er dazu sich selber umzubringen und will das Land mit der Frau verlassen. Wenk läuft die Zeit davon und muss Mabuise schnellstens schnappen...

Dr. Mabuse, der Spieler - ScreenshotDr. Mabuse, der Spieler - Screenshot

Bei Dr. Mabuse dürfte es sich um einen der ersten großen Superverbrecher der Filmgeschichte handeln. Auch wenn sich sein Schaffen noch nicht in Form von ausgefallenen Tötungsdelikten, raffinierten Diebstählen und der Entwicklung von multifunktionalen Großwaffen entfaltet, wie es für spätere Gangster mit Hang zur Weltherrschaft typisch sein sollte, so lauert in ihm doch schon der Kern von Größenwahn den alle in sich tragen. Nicht nur das er mit einem Eingriff in internationale Handelsgeschäfte die Börse fast zum erliegen bringt, sondern hält sich auch später für unbesiegbar, selbst gegenüber der Staatsgewalt. Seine Gefolgsleute sind nicht die Schlausten, aber aus Angst vor ihm treu ergeben. Dies geht sogar soweit, dass sie lieber Gift schlucken als auch nur ein Wort gegen ihn auszusagen. Dieser Art von psychologischem Drill hat Wenk nichts entgegenzusetzen. Als er meint eine Person endlich zermürbt zu haben, ist Mabuse doch wieder schneller und die Zeugen sterben schneller weg als das Wenk überhaupt mit ihnen reden kann.

Zitat

Du spielst mit Geld, mit Menschen, mit Schicksalen... Am grauenvollsten mit Dir selbst...!

Der Titel "der Spieler" ist nicht nur auf seine Spezialität zurückzuführen, dass er das meiste Geld beim Kartenspielen ergaunert. Durch seine hypnotischen Fertigkeiten, für die er im übrigen nicht mal Augenkontakt benötigt, verwandelt er die Menschen in willenlose Spielzeuge, zwingt sie ohne Widerstand nur das zu tun, was er ihnen mental befiehlt. Durch seine Willenskraft werden sie zu seinen Marionetten, seinen Puppen die er steuern und lenken kann. Auch spielt er mit den "normalen" Menschen gerne, indem er sich immer wieder in andere Personen verwandelt und somit nur schwer zu greifen ist. Er gerade durch seine vielen Gesichter zu dem gesichtslosen, austauschbaren Bösen, das in jedem schlummern könnte. Wenn es nicht bereits 1913 einen Fantomas-Film gegeben hätte (Fantômas - À l'ombre de la guillotine), dann könnte Dr. Mabuse durchaus als der Initiator dieses anderen Comic-Verbrecher-Charakters gelten, denn genau wie Dr. Mabuse schlüpft auch Fantomas in die verschiedensten Rollen und Masken. Dr. Mabuse, der Spieler basiert aber auf einer Romanreihe von Norbert Jacques, wann die damals erschienen ist konnte leider nicht in Erfahrung gebracht werden.

Dr. Mabuse, der Spieler - ScreenshotDr. Mabuse, der Spieler - Screenshot

Die Handlung spielt in Deutschland nur wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg. Auch wenn es nicht sehr deutlich dargestellt wird, so gibt es doch in der Bevölkerung eine deutliche Abgrenzung zwischen Arm und Reich. Dies spiegelt die reale Situation des Nachkriegsdeutschland wider und dürfte somit auch die Untertitel der beiden Hälften, "Ein Bild der Zeit" und "Ein Spiel von Menschen unserer Zeit" erklären. Die Reichen werden als eigene Personengruppe mit ihrem eigenen Bereichen dargestellt, wenn es mal was von der allgemeinen Bevölkerung zu sehen gibt, sind es meist ärmliche Personen aus der Unterschicht, die unter der Inflation zu leiden haben. Staatsanwalt von Wenk ist einer der wenigen, die sowas wie die Mittelschicht darstellen. Reiche Menschen wie Hull oder das Grafenehepaar Told leben hingegen in riesigen Villen mit viel Platz und einem deutlichen Hang zu Dekadenz. Das aber dies allein nicht glücklich macht, wird verdeutlicht an der Gräfin Told, die ihren Nervenkitzel in illegalen Spielhöllen sucht und dabei die spielenden Menschen genaustens beobachtet. Dies ist es vielleicht auch, was sie so begehrenswert für Dr. Mabuse macht, der meint in ihr eine Schwester im Geiste gefunden zu haben.

Die Psychologie spielt ohnehin eine recht große Rolle in diesem Film, wodurch der Film seiner zeit ein wenig voraus war. Zwar gab es zwei Jahre zuvor schon Das Kabinett des Dr. Caligari, der aber auf einer anderen Ebene funktionierte und sich eher mit einem wirklich psychisch Kranken beschäftigte. In Dr. Mabuse kommen schon viele Elemente zaghaft zum Vorschein, die Jahre später typisch für den Film Noir werden sollten, düstere Thriller die zum größten Teil in Amerika produziert wurden. Der Held des Films ist nicht unbedingt der strahlende Supermann, sondern ein eher zielstrebiger Mensch mit klaren Vorstellungen, der um die Schlechtigkeit der Menschen Bescheid weiß. Die Gräfin Told wirkt mit ihrer Sicht des Lebens schon fast depressiv und kann sich nur noch an sehr wenigen Dingen erfreuen. Ihr Mann, von dem sie anscheinend ebenfalls ziemlich gelangweilt ist, ist da auch nicht besser dran. Er wirkt zwar wie ein im Leben stehender Snob, zerbricht dann aber am Ende völlig und zeigt zu deutlich seine seelische Instabilität. Und da wäre noch die Tänzerin Cara Carozza, die Mabuse anhimmelt. Diese Liebe wird aber absolut nicht erwidert, sondern er gibt sich ihr gegenüber kalt wie ein Eisblock, denn sie ist für ihn auch nur ein weiteres Werkzeug.

Dr. Mabuse, der Spieler - ScreenshotDr. Mabuse, der Spieler - Screenshot

Die Gesamtlänge von 270 Minuten (bei 20 Frames pro Sekunde) schreckt auf den ersten Blick deutlich ab. Zwar ist der Film in zwei Teile eingeteilt worden, aber trotzdem bedeutet dies für den ersten Teil immer noch eine Laufzeit von 155 Minuten. Manches mag obsolet, geradezu unnötig erscheinen, aber durch die Darstellung von selbst kleineren Details wird den Charakteren eine enorme Tiefe verliehen. Allerdings raubt dies dem Film einiges an Tempo und in manchen Passagen wünscht man sich doch ein etwas forscheres Fortschreiten der Geschichte. Dabei wird die Handlung, die an sich nicht so komplex ist, dass sie alleine die Länge rechtfertigen könnte, von der Bildgewalt der Welt um Dr. Mabuse maßgeblich unterstützt. Die Sets wirken sehr durchdacht, jede Person lebt in einem anderen Umfeld und je nachdem als was Dr. Mabuse sich verkleidet hat, so ist auch die Umgebung in der er auftritt seiner Verkleidung angepasst. Die Kamera führte Carl Hoffmann, der auch unter F.W. Murnau bei Der Januskopf und Faust gearbeitet hat und für das Production Design zeichneten sich unter anderem Otto Hunte, Erich Kettelhut und Karl Vollbrecht verantwortlich, die fünf Jahre später mit ihrer Arbeit Metropolis zum ersten Meilenstein der Science Fiction werden ließen.

Dr. Mabuse, der Spieler konnte unter Zuhilfenahme von zwei Kamera-Negativen, eines aus Deutschland, eines aus dem Ausland, umfassend rekonstruiert werden. Dabei arbeiteten das Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin, das Filmmuseum München und die Friedrich-Wilhelm-Murnau Stiftung aus Wiesbaden zusammen. Die Musik konnte nicht mehr rekonstruiert werden, daher wurde ein völlig neuer Soundtrack von Aljoscha Zimmermann erstellt, der auch schon die rekonstruierten Fassungen von Der Golem mit seiner Musik neues Leben einhauchte. Mit seiner Musik bekommen die Charaktere noch etwas mehr tiefe, denn die Stücke Zimmermanns spiegeln stets das seelische Innenleben der Personen wieder.

Dr. Mabuse, der Spieler - ScreenshotDr. Mabuse, der Spieler - Screenshot

Das Drehbuch wurde zum größten Teil von Fritz Langs Ehefrau Thea von Harbou in Absprache mit ihm entwickelt. Diese Zusammenarbeit brachte auch einige der besten Filme von Lang hervor, darunter auch Metropolis. Die weiteren Dr. Mabuse Filme von Fritz Lang sind das 1933er Werk Das Testament des Dr. Mabuse und Die Tausend Augen des Dr. Mabuse von 1960. Aber daneben gab es auch in den sechziger Jahren noch eine Reihe von Mabuse-Filmen von anderen Regisseuren: Im Stahlnetz des Dr. Mabuse (1961), Das Testament des Dr. Mabuse (Remake 1962), Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse (1962), Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (1963) und Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse (1964). Daneben gab es noch den britischen Scream and Scream Again von 1969, der in Deutschland kurzerhand den Titel Die lebenden Leichend es Dr. Mabuse verpasst bekam und selbst Spaniens berühmt-berüchtigter Jess Franco fabrizierte mit La Venganza del doctor Mabuse (dt. Titel: Dr. M schlägt zu) seine eigene Version mit Jack Taylor in der Rolle des Verbrechers. Rudolf Klein-Rogge wiederholte in Testament des Dr. Mabuse seine Rolle und spielte unter anderem in Metropolis den Erfinder des weiblichen Roboters, Professor Rotwang.

Der Film ist mittlerweile über 82 Jahre alt. Man darf sich glücklich über jeden Film schätzen, der es aus der damaligen Zeit bis heute überlebt hat und auf DVD wieder neu entdeckt werden darf. Sehr hohe Ansprüche an die Bildqualität kann und darf man natürlich nicht stellen. Aber Dr. Mabuse, der Spieler kann qualitativ durchaus mit den anderen Veröffentlichungen alter Stummfilmklassiker von Transit mithalten. Wer die vielleicht kennt, weiß ungefähr was man erwarten kann. Der größte Pluspunkt ist auch hier die unglaubliche Schärfe des Bildes, selbst kleinere Details lassen sich noch relativ gut erkennen. Das Bildrauschen bzw. die Körnung des Originalmaterials ist unterschiedlich präsent, mal fällt es kaum auf, an anderen Stellen ist es deutlich sichtbar. Der Kontrast ist eine Spur zu steil geraten, sehr helle Flächen haben manchmal die Neigung zum Überblenden. Auch sind die Schäden des Originalmaterials nicht gerade gering in der Anzahl, aber tauchen zum größten Teil nur in Form von kleineren Flecken und weißen Punkten auf. Vereinzelte kurze Szenen zwischendurch sind verdreckter als der größte Teil des Materials. Da es sich hier lediglich um eine orchestrale Unterlegung zum Film handelt, kann man den Ton nicht auf Dialogverständlichkeit oder Surround-Aufteilung von Effekten aufteilen. Da die Musik völlig neu komponiert wurde, erklingt sie natürlich in einer tadellosen Form und mit gutem Sound aus den Lautsprechern. Die Sprachwahl beim Einlegen der DVD bezieht sich diesmal nur auf die Menüsprache und eventuelle Untertitel, die in englisch und französisch vorliegen. Der Schriftsatz der Untertitel ist allerdings ein wenig zu schmal geraten, so dass man manchmal schon etwas genauer hinsehen muss um alles sofort lesen zu können.

Dr. Mabuse, der Spieler - ScreenshotDr. Mabuse, der Spieler - Screenshot

Leider gibt es auch hier keinen Audiokommentar eines Experten, der den Film in seinem filmhistorischen wie auch zeitgeschichtlichen Kontext erklären könnte. Aber unter dem Titel "Die Metamorphosen des Dr. Mabuse" verbergen sich drei kleine Featurettes, die zusammen eine Laufzeit von 50 Minuten aufweisen. In "Mabuses Musik" erklärt Komponist Aljoscha Zimmermann seine Ideen und Einflüsse, wie er bestimmte Passagen mit seiner Musik unterlegte. In "Norbert Jacques - der literarische Erfinder des Dr. Mabuse" gibt Michael Farin, Herausgeber der Mabuse-Romane und Produzent von Mabuse-Hörspielen, einige Hintergrundinformationen zu dem Autor Norbert Jacques wieder und für was der Charakter des Mabuse eigentlich zu seiner Zeit stand, was sich in Wirklichkeit hinter der Oberfläche des Bösewichts darstellte. Zuguterletzt gibt es in "Mabuses Motive" eine noch etwas weiterführende Darstellung des Mabuse-Charakters. Hier wird aber mehr Bezug auf Fritz Langs frühere Filme und andere Werke der damaligen deutschen Filmindustrie genommen. Dieser Beitrag ist recht interessant in seinen Ausführungen und verdeutlicht Parallelen zu anderen Werken, die man sonst vielleicht nicht unbedingt entdeckt hätte. Außerdem gibt es hier auch Aufnahmen eines Interviews mit Fritz Lang zu sehen. Der Rest des Bonusmaterials besteht eher aus konventionellen Stoffen: eine Bildergalerie, Daten zum Film sowie zahlreiche Biographien. Der Text des Booklet im schicken und für die Transit-Veröffentlichungen üblichen Digipack, stellt allerdings nur eine Zusammenfassung der wichtigsten Informationen dar, die in den Beiträgen in "Metamorphosen des Dr. Mabuse" vermittelt werden.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 25.07.2004

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