Film Daten

Titel:
Santa Sangre
Originaltitel:
Santa Sangre
Land & Jahr:
Mexiko / Italien 1989
Laufzeit ca.: ?
123 Min.
Regie:
Alejandro Jodorowsky
Darsteller:
Axel Jodorowsky
Blanca Guerra
Guy Stockwell
Thelma Tixou
Sabrina Dennison
Adan Jodorowsky
Faviola Elenka Tapia
Teo Jodorowsky
María de Jesús Aranzabal
Jesús Juárez
Sergio Bustamante
Gloria Contreras
S. Rodriguez
Zonia Rangel Mora
Joaquín García Vargas
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - Anchor Bay Entertainment
Label:
Anchor Bay Entertainment
Regionalcode / Norm:
2 / PAL
Bild / Zeit:
1.78:1 (anamorph) / 118:04
Sprachen/Ton:
Englisch - DD 2.0
Englisch - DD 5.1
Untertitel:
Englisch
Extras:
  • Audiokommentar von Alejandro Jodorowsky & Kritiker Alan Jones
  • Dokumentation "La Constellation Jodorowsky"
  • On Stage Interview mit Jodorowsky
  • Deleted Scenes mit Kommentar
  • Talent Biographies
  • "Echek" - Ein Kurzfilm von Adan Jodorowsky
  • Bildergalerie (Szenenfotos & Poster)

DVD Daten

DVD Cover - Legend Films
Label:
Legend Films
Regionalcode / Norm:
2 / PAL
Bild / Zeit:
1.33:1 / 118:40
Sprachen/Ton:
Deutsch - DD 2.0
Englisch - DD 2.0
Untertitel:
-
Extras:
-

Santa Sangre

Review

Santa Sangre - Logo

(Ein Review von Frank Meyer)

In der ersten Szene begegnen wir dem erwachsenen Fenix in einer psychiatrischen Anstalt. Er hockt nackt auf einem Baumstamm und reagiert auf die Kommunikationsversuche eines Arztes mit vogelähnlichem Kreischen. Welches Schicksal verbirgt sich hinter diesem Menschen? Während sein Blick ins Leere fällt, nimmt er den Zuschauer mit auf eine Reise in die Vergangenheit und lässt uns Zeuge der dramatischen Geschehnisse werden, die ihm als Kind den Verstand geraubt haben…

Zitat

I stretch out my hands to thee,
my soul thirsts for thee like a parched land...
Teach me the way I should go
for to thee I lift up my soul.


(Psalm 143,6,8)

Mexico City. Der kleine Fenix tritt als Zauberer im Zirkus seines Vaters Orgo auf, einem Messerwerfer mit hypnotischen Fähigkeiten. Orgos Beziehung zu Fenix’ Mutter Concha ist gespannt. Während er eine Affäre mit seiner Auftrittspartnerin, einer von Kopf bis Fuß tätowierten Frau hat, steht sie einer Sekte vor, die ein totes Mädchen verehrt, dem bei einer Vergewaltigung beide Arme abgetrennt wurden. Der Junge muss miterleben wie die improvisierte Kirche des Heiligenkults von staatlichen Autoritäten niedergerissen wird. Und mehr noch: Als seine Mutter ihren untreuen Mann mit der tätowierte Frau überrascht und beide mit Säure übergießt, ist Fenix gezwungen mit anzusehen, wie der rasende Orgo zuerst Concha beide Armen abschlägt und sich schließlich selbst die Kehle durchtrennt.

Wieder in der Gegenwart bekommt Fenix Besuch von seiner verstümmelten Mutter. Er verlässt die Nervenheilanstalt und ersetzt ihr fortan Arme und Hände, perfektioniert diese Illusion sowohl im Alltag, wie auch bei Auftritten im Theater bis zur vollkommenen Synchronität - und beiderseitigen Abhängigkeit. Doch dann kommt es zu mysteriösen Morden, an denen offensichtlich sowohl Fenix als auch seine Mutter beteiligt sein müssen. Eine Schlüsselfunktion scheint der taubstummen Alma zuzukommen, jener Jugendliebe, die Fenix nach den Ereignissen im Zirkus aus den Augen verloren hat.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Santa Sangre - das heilige Blut. Jodorowsky für Einsteiger? Vielleicht könnte man Santa Sangre etwas überspitzt so bezeichnen; denn von der Erzählstruktur her ist dies sicher der zugänglichste der drei Filme, die den Kern des filmischen Schaffens von Regie-Exzentriker Alejandro Jodorowsky bilden: El Topo, The Holy Mountain und eben Santa Sangre.

Dabei ist auch Santa Sangre allerdings immer noch weit davon entfernt, gewöhnliche Kinokost zu sein. Zwar hat der Film im Gegensatz zu El Topo und The Holy Mountain eine bericht- und nachvollziehbare Handlung samt Schlusspointe und insbesondere die Ereignisse in der Gegenwart werden (zumindest für Jodorowsky-Verhältnisse) auf nahezu herkömmliche Weise erzählt, aber schon die zeitliche Aufteilung ist ungewöhnlicher als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. So nimmt die Rückblende in Fenix' Kindheit fast 40 Minuten in Anspruch und sorgt für einen eher untypischen Eindrittel/Zweidrittel-Split. Das einzige andere Beispiel mit ähnlicher Zeitstruktur, das mir da spontan einfällt, wäre vielleicht noch Highlander. Darüber hinaus spiegelt der Film aber in Handlung und Optik deutlich genug die Handschrift Jodorowskys wider, als dass man Santa Sangre zu irgendeinem Zeitpunkt mit einem konventionellen Thriller/Drama verwechseln könnte.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Oft wurde von Kritiker- und auch Fanseite gemutmaßt, dass die stringentere, zugänglichere Erzählweise maßgeblich auf den Einfluss von Dario Argentos Bruder und Hausproduzent Claudio zurückzuführen sei. Obwohl dies angesichts des Giallo-artigen Grundthemas von Santa Sangre und der stellenweise nicht nur inhaltlichen Ähnlichkeit (Farbwahl, Vogelmotiv, etc.) nahe liegend sein mag, versicherte Jodorowsky immer wieder, beim Dreh völlig freie Hand gehabt zu haben. Auch die angegebenen Co-Writing Credits bezögen sich lediglich auf die aus produktionstechnischen Gründen erforderliche Übersetzung des Drehbuchs ins Italienische. Obwohl das Script schon zu Beginn der Zusammenarbeit geschrieben war, scheint es tatsächlich wohl so gewesen zu sein, dass Claudio Argento zu Beginn die grobe Richtung vorgeschlagen hat und Jodorowsky aus dieser Vorgabe seine ganz eigene Version eines Horrorfilms entwickelte.

"Sie werden Dinge sehen, die sie nie zuvor gesehen haben!" - Mit dieser Ankündigung visueller Sensationen im Schausteller-Stil wurde der Film. Und ähnlich einer Zirkusshow reiht sich auch hier eine bildgewaltige Szene an die nächste. Kräftige Farben und starke Kontraste kennzeichnen die Optik. Unter visuellen Aspekten hat man es mal wieder mit einem echten Leckerbissen zu tun - wenn auch nicht vom phantasmagorischen Kaliber a la El Topo oder der zeitlos eleganten Bildkomposition von The Holy Mountain.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Stattdessen spielt der Filmemacher hier mit inhaltlichen und visuellen Versatzstücken des klassischen Schauerkinos und präsentiert dem Zuschauer u.a. Elemente aus Hitchcocks Psycho, James Whales Der Unsichtbare (The Invisible Man, 1933) oder George A. Romeros Night of the Living Dead (1968) in der Jodorowsky-Variante. So gibt es in der Friedhofsszene zwar eine Nacht der lebenden Toten, aber eine Nacht der "schönen" lebenden Toten zu sehen, und Jodorowskys invertierter Invisible Man, der sich nichts sehnlicher wünscht als zu verschwinden, um endlich mit seiner Mutter eine Einheit bilden zu können, zeigt sich entsetzt als er sein Antlitz nach dem Abwickeln der Bandagen immer noch im Spiegel sieht.

Die Anlehnung an Psycho findet sich nicht nur in der Grundthematik des Mutter-Sohn-Konflikts, sondern auch in einer an den viel(zuoft)zitierten Duschmord angelehnten Szene. Allerdings wie kaum anders zu erwarten nicht in Form einer platten Wiederholung: Jodorowsky greift zwei Elemente aus Hitchcocks Vorlage auf, den durchsichtigen Vorhang und den Fall des Opfers, und kombiniert dies mit der Giallo-Optik inklusive des großzügigen Blutschwalls wie man sie aus den Frühwerken Argentos kennt. Der Regisseur sprach in diesem Zusammenhang auch mal davon, er habe eine solche (klassische) Mordszene mit "mehr Blut" gewollt. Viel mehr Blut. Ob bewusst oder unbewusst schließt er damit auf wunderbare Weise die Lücke zwischen dem italienischen Giallo und seinen Wurzeln.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Dass es Jodorowsky hier aber letztlich weniger um eine Hommage an den Meister des Suspense geht, kann man diversen Interviews entnehmen, in denen er sich zum Thema Hitchcock geäußert und seine grundverschiedene Herangehensweise an das Medium betont hat. Hitchcock sei ihm viel zu rational. Sinngemäß geht es ihm bei dieser Feststellung darum, dass er im Gegensatz zu Norman Bates' Ziehvater keinen Wert auf eine schlussendliche Auflösung legt, da dies in seinen Augen lediglich dazu führt, dass der wesentliche Reiz eines Films schon nach dem ersten Ansehen verpufft. Einige der entsprechenden Zitate finden sich weiter unten im letzten Spoiler-Bereich.

Das Auftreten der maskierten Wrestler darf man wohl auch als kleine Hommage an die überdrehten mexikanische Horrorfilme der 70er werten, und das Verhalten von Fenix in dieser Szene ist natürlich inspiriert vom typischen Charlie Chaplin-Stil. Weitere Einflüsse sind die Comic-Reihe "Mandrake The Magician" (das Zauberer-Outftit) sowie die Venus von Milo (das Motiv der armlosen Heiligenfigur).

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Ein ganz wesentlicher Einfluss, der zwar auch schon in Jodorowskys vorangegangenen Filmen ersichtlich war, nun aber im Rahmen des offensichtlichen Genre-Bezugs noch deutlicher zu Tage treten konnte, ist der von Tod Brownings Klassiker Freaks (1932). Und genau wie seinerzeit Browning wurde auch Jodorowsky von einigen Kritikern die Zurschaustellung von Behinderten und Deformierten vorgeworfen. Für besonderen Zündstoff sorgte die Szene, in der eine Reihe mongoloider Kinde von einem Zuhälter Kokain verabreicht bekommen, da sich hartnäckig das Gerücht hielt, es habe sich hierbei um echtes Koks gehandelt. Behauptung Nr.2 gehört ganz eindeutig ins Reiche der Mythen, und auch den ersten Vorwurf kann man mit ein wenig Wissen um den Menschen hinter dem Film nur als reichlich abwegig einstufen. Weder in Santa Sangre noch in irgendeinem anderen Film Jodorowskys kommen Behinderte auch nur ansatzweise schlecht weg. Die Darstellung von Versehrtheit ist niemals exploitativ; denn ganz im Gegensatz zu vielen anderen Filmproduktionen (egal ob B-Horror oder Hollywood) werden körperliche Auffälligkeiten nie mit irgendwelche negativen Charaktereigenschaften in Verbindung gebracht. Da ist keine hässliche Narbe, die den Bösewicht entlarvt, oder ein verunstaltetes Gesicht, das von der Schlechtigkeit seines Trägers zeugt. Jodorowskys behinderte Darsteller sind schlicht Menschen. Schauspieler wie alle anderen auch. Wenn irgendetwas als monströs dargestellt wird, dann die Ablehnung durch die vermeintlich Normalen (vgl. El Topo).

Zitat

Ich liebe sie. Ich liebe sie alle. Sie sind wunderschön. In meinen Augen sind es die normalen Menschen, die monströs sind. Weil sie sich so sehr gleichen! - Jodorowsky über Missbildungen.

Jodorowsky hat eine erklärte Vorliebe für das Außergewöhnliche und die ist nicht von Sensationslust, sondern von ehrlicher Wertschätzung des Andersartigen geprägt. Makel und Missbildung als Merkmal, nicht mehr und nicht weniger. Und dank eines kleinen Geheimnisses darf sich der Exzentriker in gewisser Weise selbst zum exklusiven Kreis abseits gesellschaftlicher Normierungen rechnen, verfügt er doch über 6 statt 5 Zehen an jedem Fuß - und er findet es klasse! Anders als im Fall von Freaks sei die inhaltliche Nähe zu Brownings X- The Unknown allerdings eher zufällig, da er den Film zum Zeitpunkt des Drehs tatsächlich noch gar nicht kannte.

Natürlich ergänzen sich viele diese klassischen Stoffe auch wunderbar mit Jodorowskys bekannten Vorlieben und persönlichen Background (seine Zeit beim Zirkus, etc.), sei es die Symbolik im religiösen Wahn der Mutter, Pantomimenspiel oder das Clown-Motiv. Und diese Diskussion führt direkt zum zweiten völlig konträr gelagerten Einfluss, der sich wie ein roter Faden durch Santa Sangre zieht: Realität. Der Film steckt angefangen vom Drehort inmitten einer der gefährlichsten Gegenden von Mexico City inklusive Schutzgelderpressung voller realer Bezüge.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Eine Hauptinspiration für Santa Sangre stammt aus einem Gespräch, das Jodorowsky mit einem Serienkiller namens Gojo Cardinas führte, den er in einer mexikanischen Bar getroffen hat. Einem Serienmörder, dessen Fall in Mexiko wohl recht berüchtigt ist. Cardinas lebte zusammen mit seiner Mutter, tötete 30 Frauen und begrub die Leichen in seinem Garten. Schließlich rief er selbst die Polizei und landete für 10 Jahre in der Psychiatrie. Nach seiner Entlassung studierte er, arbeitete als Anwalt, Journalist und Buchautor und lebt heute ein neues, völlig normales Leben mit Frau und Kind. Die Erinnerung an seine damaligen Taten habe er völlig verloren. Das Schicksal von Cardinas, mit seinen zwei völlig unabhängigen Leben, diente Jodorowsky als Ausgangspunkt für die Figur des Fenix.

Weitere Anteile der Geschichte sind autobiographisch geprägt und stammen aus Jodorowskys eigenen Erfahrungen mit seiner Mutter, die er als durch den Vater kastrierte Frau empfunden hat, die versuchte, ihr Leben durch ihren Sohn zu leben. Die Beziehung zwischen Fenix und Orgo spiegelt wiederum die Beziehung Alejandros zu seinem Vater wider, der ihn bspw. auch in einer dem Initiationsritual in Santa Sangre vergleichbaren Situation dazu gezwungen hat, zur Kontrolle des eigenen Schmerzes einen Zahnarztbesuch ohne Betäubung über sich ergehen zu lassen. Diese Einflüsse sollte man auch berücksichtigen, bevor man sich ausschließlich auf Vorlagen wie Hitchcocks Psycho versteift. Ebenso gehen die Zirkus-Anleihen nicht nur auf Browning Freaks oder Der rote Schatten (1959), sondern zum großen Teil auf Jodorowskys eigenen Zirkus-Background zurück.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Wie üblich suchte er sich einen großen Teil seiner Darsteller auf der Straße zusammen (Stars sind in seinen Augen der "Virus des Filmemachens"). So sind wie bereits erwähnt die mongoloiden Kinder echt, ebenso wie die Blinden vor der Kirche, Prostituierten oder auch die Menschen, die sich auf den Kadaver des toten Elefanten stürzen tatsächlich hungrige Straßenkinder waren. Der kleine Fenix (Adan Jodorowsky) war auch im wirklichen Leben einer der jüngsten Zauberer der Welt und der große Fenix (Axel Jodorowsky) wirklich ein ausgebildeter Pantomime. Und wenn die schauspielerische Leistung von Sabrina Dennison in der Rolle der taubstummen Alma so unglaublich überzeugend wirkt, dann liegt das vielleicht daran, dass sie tatsächlich taubstumm ist.

Eine letzte Eigenart von Jodorowsky: Wenn es irgendwie geht, dann dreht er seine Filme trotz zusätzlicher Kosten in chronologischer Reihenfolge ab, da die Akteure sich während der Aufnahmen genau wie die von ihnen verkörperten Figuren ständig verändern. Deshalb sei die realistischste Variante stets auch die fiktiven Erfahrungen in der Reihenfolge beizubehalten. Fast schon absurd, dass ausgerechnet ein surrealistischer Filmemacher so einen Wert auf Realität und Realismus legt, aber wahrscheinlich liegt genau hierin der Schlüssel, warum es im Ergebnis funktioniert.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Der anfangs zitierte Psalm 143 stammt eigentlich vom Schluss des Films und stellt nach Ansicht Jodorowskys so etwas wie den Schlüssel zu Santa Sangre da, wobei er den Text allerdings noch verkürzt hat. Im Original beginnt der Psalm mit den Worten "Ich denke an die früheren Zeiten; ich sinne nach über all deine Taten und spreche von den Werken Deiner Hände". Auch wenn dies immer noch nicht unbedingt Spoiler-Qualität erreicht, da die Hände nicht erst gegen Ende eine besondere Rolle spielen, kann man sich durchaus vorstellen, dass diese Bibelstelle ihn beim Verfassen des Skripts inspiriert hat.

Santa Sangre war Jodorowskys erster Film nach dem disaströsen Tusk (1980), den er nach eigenen Angaben nur deshalb fertig gestellt habe, um nicht den Ruf zu bekommen, er wäre unfähig ein Filmprojekt zum Abschluss zu bringen. Die Umstände waren aber denkbar schlecht, da ein geldgieriger Produzent einen Großteil des Budgets wohl lieber in die eigene Tasche gesteckt hat und Jodorowsky so statt mit den versprochenen 1000 Elefanten und einem gigantischen Leitbullen mit läppischen 7 und obendrein mickrigen Dickhäutern auskommen musste. Mit dem Resultat war er absolut unzufrieden und ist entsprechend wenig traurig darüber, dass der Film bis heute kaum irgendwo gezeigt wurde.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Mit Santa Sangre gelang ihm nach neun Jahren endlich ein überzeugendes Comeback, das von Publikum- wie Kritikerseite gleichermaßen positiv aufgenommen wurde. Und da Jodorowsky seinen gewohnt beeindruckenden Einfallsreichtum dieses mal deutlich besser in die Erzählstruktur integriert bzw. ihn in den Dienst der Handlung stellt, funktioniert der Film sogar als bildgewaltiges Entertainment überraschend gut. Die bessere Zugänglichkeit macht aus Jodorowskys fünftem Kinofilm zwar noch lange keine leichte Unterhaltung, aber hier dürfte man auch ruhig mal einen Blick riskieren, falls einem die Vorgänger dann doch zu sperrig waren. Im Gegensatz zu El Topo und The Holy Mountain kann man Santa Sangre prinzipiell auch ganz ohne Deutungsschlacht als ganz normalen Film anschauen.

Spoiler

Santa Sangre - heiliges Blut.

Auch wenn es nicht die Ausmaße der Symbolorgie von The Holy Mountain annimmt, wie in jedem anderen Film Jodorowskys hat seine Vorliebe für spirituelle Lehren aller Art auch in Santa Sangre ihre Spuren hinterlassen. So ist es sicher wenig überraschend, wenn Jodorowsky als Fan von Kabbala und Numerologie seine Überzeugung, dass Namen das Leben bestimmen, auch bei der Benennung seiner Figuren hat einfließen lassen. "Alma" bedeutet passenden zum unschuldigen Charakter übersetzt in etwa "Die Seele", "Concha" steht im Chilenischen für das körperliche weibliche Geschlecht. "Orgo" symbolisiert naheliegenderweise den Orgasmus und "Fenix" den mythischen Zaubervogel Phoenix. Die Tätowierungen der Zirkus-Lady stelle die vier Elemente dar und stammen von Jodorowsky, der seine Entwürfe dann von Tattoo-Designer Sergio Arau in die Tat umsetzen ließ. Das Kostüm der Wrestlerin (schwarz und weiß) entspricht den sich ergänzenden Gegensätzen Ying und Yang, in dem der Gegensatz von Mann und Frau zusammenkommt.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Überhaupt spielt das Spiel mit Kontrasten einmal mehr eine wichtige Rolle. Z.B. im Soundtrack (Simon Boswells düsterer Score vs. traditionelles Liedgut) oder in der Kollision von Realität und Surrealismus - wie in der Begräbnisszene des Elefanten, in der das Begräbnis selbst als surreales Element mit dem echten Wahnsinn der auf den Leichnam stürzenden Armen trifft. Jodorowsky versprach ihnen nur das Fleisch. Der Rest ist pure Realität und das Ergebnis entsprechend intensiv. Das Warten, das Lauern, das Losstürzen...

Dass die Tätowierungen der Tattoo-Lady im weiteren Verlauf auf einem Pferd auftauchen, ist weniger ein symbolisches Zeichen als ein Beweis für Jodorowskys schrägen Sinn für Humor. Die Darstellerin der Concha erinnerte ihn an ein schönes, kräftiges Pferd; also ließ er sie als tätowierten Gaul aus dem Grab steigen. Das gleiche gilt für die Szene, in der ein Opfer der Mutter erst nachdem es aus der Hypnose geweckt wurde bemerkt, dass es Zeit zum Sterben ist.

Tiefenpsychologische Perspektiven

Da Onkel Freuds Theorien oft jeder willkürlichen Überinterpretation Tür und Tor öffnen und vieles ohnehin längst als überholt gilt, sollte man ja eigentlich sehr vorsichtig sein, wenn man die Psychoanalyse zur Deutung heranzieht. Aber da es sich in diesem Fall um von Jodorowsky eingeräumte Aspekte des Films handelt, darf man wohl mal eine Ausnahme machen. Nicht nur symbolhaft abgetrennte Glieder. Sexualität. Traumatisierung. Abhängigkeit. Armlose Ikonen. Die Inhalte von Santa Sangre wären ein Fest für jeden Psychoanalytiker...

Zitat

This picture is like subtle psychoanalysis. - Jodorowsky.

Messer als Phallus-Symbole. Nicht nur in der Messerwerf-Szene, in der sich die tätowierte Frau vor der Zielscheibe windet und bei jedem geworfenen Messer lustvoll aufstöhnt. Der Höhepunkt der Mutter wird ganz im Sinne des kleinen Todes der Franzosen untermalt von den Todesseufzern des Elefanten, wobei der blutende Rüssel wiederum als Phallussymbol fungiert und Blut als Samenersatz dient (ein Bild, das Jodorowsky schon für sein Dune-Projekt im Kopf hatte). Nach der Beerdigung des Elefanten, dem Abschluss eines Lebenszyklus' (der Kadaver wird zur lebensspendenden Nahrung) unterzieht Orgo den jungen Fenix einem Ritual, das ihn zum Mann macht. Dass er ihn dabei mit einem Messer tätowiert, legt natürlich eine Deutung im Sinne des klassischen Konflikts mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil nahe. Der tätowierte Adler ist zunächst noch rot vom Blut, als dann aber die Initiation beendet ist, schließt sich ein weiterer Kreis und Orgo verläßt den Schauplatz in Schwarz, während der Junge den silberglitzernden Anzug seines Vaters trägt. Der spätere Selbstmord des entmannten Orgo ist eine offensichtliche Reminiszenz an die entsprechende Szene in El Topo. Der Gringo wird kastriert und richtet sich selbst. Beinahe noch klassischer wird es, wenn man das Beziehungsgeflecht von Mutter und Sohn betrachtet, in dem sich Fenix' seelische Abhängigkeit genau umgekehrt zur körperlichen Abhängigkeit Conchas verhält.

Ein anderer Aspekt, der sich allerdings erst in Verbindung mit den in der Special Edition enthaltenen Deleted Scenes zeigt, ist die Bedeutung der hypnotischen Fähigkeiten Orgos und Fenix', die in der Kinofassung fast völlig in den Hintergrund treten. Während die spezielle Hypnose-Technik Orgos im Endschnitt nur noch von peripherer Bedeutung ist, spielte sie in der ursprünglichen Fassung eine Schlüsselrolle, bis hin zur Frage, ob es nicht letztlich der hypnotische Einfluss ist, der im Finale von ihm abfällt. So oder so holt die stumme Alma ihn in bester Psychotherapeuten-Tradition von dort ab, wo er die Realität verlassen hat und schlüpft hierfür ein letztes Mal in die Rolle des unschuldigen Mädchens mit dem weißen Gesicht.

Farbenlehre a la Jodorowsky.

Schon mit der ersten Sekunde bekommt man als Zuschauer einen Hinweis auf die Farbsymbolik in Santa Sangre: Statt wie sonst üblich die Titel auf schwarzem Hintergrund einzublenden, sehen wir hier weiße Schrift auf kräftig rotem Untergrund. Kein Versehen; denn rot spielt in Santa Sangre eine tragende Rolle. Blau, weiß und rot. Das sind die Farben des Films, die sich nicht nur im Zirkuszelt wieder finden. Die kleine Alma trägt eine weiße Maske und ist in weiß gekleidet, die klassische Farbe der Unschuld, der reinen Seele. Gleiches gilt für den Jungen, den der Priester zu retten versucht und das Kleid des Mädchens, bevor es getauft wird und rot getränkt dem Blutsee wieder entsteigt.

Und die tragende Farbe bleibt eben jenes kräftige Blutrot. Das Symbol der Sekte sind die abgetrennten Arme der Märtyrerin, ihre Farbe das Rot der Blutlache, die an dem Ort zurückgeblieben ist, an dem das von der Gruppe zur Heiligen ernannte Mädchen überfallen, vergewaltigt und ermordet wurde. In der Szene vor der dort errichteten Kirche kommt es zur Konfrontation zwischen der blauen Staatsmacht und den rot gewandeten Sektenmitgliedern und ein in violett gekleideter Priester unternimmt den Versuch zwischen den Parteien zu vermitteln. Na, und was erhält man, wenn man blau und rot mischt? Bingo! Also, man merkt, wie bei Jodorowsky üblich gibt es hier viel zu entdecken - und dass nicht nur im Hinblick auf die Farbgebung. Ähnliches gilt für die Kameraführung: Als sich bspw. nach der Friedhofsszene der Zusammenbruch des Wahngebäudes ankündigt schwankt Fenix und die Kamera mit ihm.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Dabei ist Santa Sangre wie bereits mehrfach erwähnt gespickt mit für den gebürtigen Chilenen typischen Stilelementen: Der Initiationsritus, das Verschieben der Grenze zwischen Leben und Tod oder auch die Vogelsymbolik. Fenix trägt das Vogelmotiv bereits im Namen, zu Beginn kreischt er wie ein Vogel und auf den Schwingen des Adlers brechen wir auf in die Vergangenheit.

Jodorowsky und Hollywood.

Jodorowsky macht kein Geheimnis daraus, dass er mit dem amerikanischen Kino und insbesondere der Art und Weise wie in Hollywood Filme gedreht werden, nichts anfangen kann. Seelenlose Kommerzprodukte von Menschen, denen es ausschließlich um Profit geht. Und wenn man sich das Schicksal von Orgo, dem Direktor des "Circus de Gringo" in seinem an Apollo Creed aus den Rocky-Filmen erinnernden Glitzeranzug und mit dem Zelt in den Farben der amerikanischen Flaage so ansieht, dann kommt das Sinnbild Amerikas auch in Santa Sangre nicht sonderlich gut weg. Jodorowsky hat es sogar einmal so formuliert: Die Symbolik um Santa Sangre, das vergewaltigte Mädchen, das von männlich-dominanter Hand verstümmelt wurde, sei nicht anderes als eine Metapher für das, was Amerika aber auch Spanien mit Indianern und Mexikanern getan habe.

Jodorowsky hat also etwas gegen Hollywood, aber Hollywood nicht unbedingt gegen ihn. Quentin Tarantino bspw. hat gegenüber Jodorowsky eingeräumt, die Szene mit dem Samurai-Schwert in Pulp Fiction nahezu eins zu eins aus Santa Sangre übernommen zu haben - womit der Meister des kultivierten Filmzitats einmal mehr Geschmack bewiesen hätte. Nach Jodorowsky sei Tarantino für amerikanische Verhältnisse zwar ein guter Regisseur, aber nichtsdestrotz nicht mehr als ein kommerzieller Filmemacher. Zu den wenigen anderen kontemporären Werken, die in den Augen des Meisters Gnade gefunden haben, gehören Alex Proyas Dark City (1998) und Paul Verhoevens kompromisslose SciFi-Satire Starship Troopers (1997). Richtiggehend ins Schwärmen gerät er aber erst wenn es um Takashi Miike (Fudoh, Visitor Q) geht, der es versteht selbst einem Mann wie Jodorowsky noch ein "How can he do this?! That's crazy!" abzuringen. Wenn das kein Kompliment ist...

Spoiler

Im Falle von Santa Sangre sollte man sich aber von teilweise drastisch klingenden Inhaltsangaben nicht in die Irre führen lassen. Selbst wenn von abgetrennten Gliedmaßen oder einer Entmannungen mittels Säure die Rede ist, handelt es sich beleibe nicht um einen Film, den man als "gory" bezeichnen würde. Die Gewaltszenen sind zwar erruptiv, aber sehr künstlerisch, fast poetisch angelegt und sparen allzu detaillierte Darstellungen aus. Bspw. in der Szene, als Concho ihre Arme verliert: Die Kamera blickt von oben auf den Torso, die Wunden verdeckt von den Rüschen ihres Kostüms und im Hintergrund liegen die Gliedmaßen am Boden. Wer Exploitation erwartet, wird vermutlich bitter enttäuscht sein.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Auch in Santa Sangre bleibt Jodorowsky seiner Vorliebe, Familienmitglieder zu besetzen, treu. So wird der junge Fenix von seinem jüngsten Sohn Adan und der erwachsene Fenix von Axel, einem weiteren seiner vier Söhne, gespielt. Auch der Zwerg, der Fenix begleitet, wird unter dem Namen Teo Jodorowsky geführt. Ob es sich dabei um ein Kind im Geiste oder sonstige Familienbande handelt, scheint aber nicht bekannt. Außerdem gibt es sogar ein kurzes Wiedersehen mit Brontis Jodorowsky, der in El Topo noch als kleiner Junge mit seinem Vater Alejandro durch die Wüste geritten ist. In Santa Sangre tritt er kurz als einer der beiden Pfleger in der Psychiatrie auf.

Sowohl Axel als auch Adan musste übrigens für die Rolle des Fenix einiges über sich ergehen lassen. So ließ sich Adan auf eigenen Wunsch hin während des Initiationsrituals von seinem Vater außerhalb des Kamerablickfelds heftigst in die Waden kneifen, um einen entsprechend realistischen Ausdruck während der Tätowierszene zu erreichen. Schmerz und Tränen auf seinem Gesicht sind also nicht gespielt, sondern echt.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Axel Jodorowsky musste sich in jahrelanger Vorbereitung zunächst von Marcel Marceau, dem größten lebenden Ausdruckskünstler zum Pantomimen ausbilden lassen, um die Rolle des erwachsenen Fenix glaubhaft verkörpern zu können. In der Bühnenszene präsentiert er eines der Stücke, die sein Vater in den 60ern für Marceau geschrieben hat: "The Creation of the World". Ein weiterer Trick, mit dem der Regisseur die absolut beeindruckende, nahezu perfekte Synchronität von Ausdruck und Bewegung verbesserte, war, dass Blanca Guerra (Mutter) während der Aufnahmen stets ihre verdeckten Arme im Schritt des hinter ihr stehenden Axels hatte und ihn auf diese Weise praktisch mit ihren Händen steuerte. Jodorowsky bringt das Prinzip folgendermaßen auf den Punkt: "Hast Du einen Mann an den Hoden, kontrollierst Du ihn!"

Die Rolle des Orgo (Guy Stockwell) sollte eigentlich Dennis Hopper übernehmen, den Jodorowsky noch aus den 70ern kennt. Aber obwohl die beiden eigentlich befreundet waren und Hopper sich zunächst auch begeistert zeigte, ließ er trotzdem durch seinen Manager utopische Gagenforderungen stellen, die nicht zu erfüllen gewesen wären. Auf der Suche nach einem massigen Schauspieler fiel die Wahl auf Guy Stockwell, den Bruder des bekannteren Dean Stockwell. Der präsentierte sich anfangs sehr umgänglich und bereitwillig, begann später aber am Set zu trinken und weigerte sich einige Szenen zu spielen. Ganz Fan realer Einflüsse machte sich Jodorowsky die offene Aversion für den Dreh zunutze.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Guy Stockwells kommerziell erfolgreichster Film dürfte Airport 75 (1975), der Nachklapp zum Katastrophen-Hit von 1970, gewesen sein, bei dem er in der zweiten Reihe mit an Bord war. Aber so oder so darf sein Auftritt in Santa Sangre sicher als der bemerkenswerteste seiner Schauspielkarriere gelten. Ansonsten kann man ihn als Genre-Fan noch aus Larry Cohens Die Wiege des Bösen (It's Alive, 1974) kennen. Außerdem drehte er mit Trash-Filmer und "Gernegroß" Bert I. Gordon (Insel der Ungeheuer) und war in einer Nebenrolle an der Seite von Linda Blair und Robert "Maniac Cop" Z'dar im Horrorthriller Grotesk (Grotesque, 1988) zu sehen.

Blanca Guerro (Concha) ist im mexikanischen Filmbiz keine Unbekannte, hat aber nicht in sonderlich vielen international bekannteren Produktionen mitgewirkt. Einzig eine kleine Rolle in Das Kartell (Clear and Present Danger, 1994) wäre hier zu erwähnen, sowie ein Part im Drama Sandino (1990), in dem neben Kris Kristofferson auch Guy Stockwells Bruder Dean aufgetreten ist. So schließen sich die Kreise. Anfang der 80er trat sie neben Franco Nero und Ursula Andress im nicht gerade überragenden Historiendrama 10 Tage, die die Welt erschütterten (1982) auf.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Produzent Claudio Argento, kleiner Bruder der großen Italo-Ikone Dario Argento (Horror Infernal, Phenomena), trat ursprünglich an Jodorowsky heran, um nach der jahrelangen Produktionstätigkeit für seinen Bruder einfach mal etwas völlig anderes auszuprobieren. Ironischerweise soll er auf Nachfrage von Jodorowsky, was für einen Film er sich denn vorstellen würde, geantwortet haben "Einen Film, in dem ein Mann eine Menge Frauen umbringt." - nach einem Blick in Claudios Vergangenheit nur wirklich alles andere als etwas inhaltlich Neues, stehen doch in seiner Filmographie durch die Zusammenarbeit mit Dario solche Giallo-Klassiker wie Profondo Rosso (1975) oder Tenebre.

Abgesehen von Santa Sangre und zwei einigen wenigen Kleinst-Produktionen, darunter Asia Argentos Regiedebüt Scarlet Diva (2000), arbeitete er tatsächlich aber ziemlich exklusiv mit seinem großen Bruder zusammen. Angefangen mit Die Halunken (Le cinque giornate, 1973) war er bei fast jedem Film als Produzent mit von der Partie (Ausnahmen: Phenomena, Aura und The Stendhal Syndrome). Zuletzt bei The Cardplayer (2004) und dem TV-Film Do you like Hitchcock? / Ti piace Hitchcock? (2005).

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Der Soundtrack von Santa Sangre stellt ein Kontrastprogramm aus tradiotionellen Themen (u.a. Besame Mucho von Consuelo Velázquez), aus gegebenem Anlass häufig mit Bezug zum Zirkus, und einem düsteren Original Score von Simon Boswell, der bereits seit den 80ern mit dem Argento-Clan (Phenomena, Aquarius, The Church) und vor allem auch Lamberto Bava (Dämonen, Die Gruft, Das unheimliche Auge) zusammengearbeitet hat. Darüberhinaus war er als Komponist für Regisseure wie Neil Jordan (The Crying Game), Alex de la Iglesia (Perdita Durango) oder Danny Boyle (Kleine Morde unter Freunden) tätig. Sein Meisterstück lieferte er meiner Meinung nach aber in Form des genialen Soundtracks zu Richard Stanleys Dust Devil (1992) ab.

Bei der übrigen Crew handelt es sich zum Teil um übliche Cinecittà-Verdächtige. Interessant wäre noch der für die Set-Deko verantwortliche Enrique Estévez, der zwei Jahre zuvor den Dschungel für John McTiernans Predator (1987) dekorieren durfte und auch an der Ausstattung von Schwarzeneggers letzten großen Schlacht Collateral Damage (2002) beteiligt war. Editor Mauro Bonanni sorgte ein Jahr später auch für den Schnitt von Jodorowskys The Rainbow Thief (1990). Wenn man das Drama um Jodorowskys Version von Frank Herberts Dune bedenkt, ist vielleicht auch noch erwähnenswert, dass mit Anuar Badin (Conan - Der Zerstörer, Total Recall) sogar ein Mitglied des Produktionsteams von David Lynchs Dune - Der Wüstenplanet (1984) an Santa Sangre beteiligt war.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Die 2-Disc-Special Edition von Anchor Bay ist ein wahres Fest und eine echte Fundgrube für Jodorowsky-Fans. Liefert sie doch nicht nur den Film in bestechender Qualität, sondern kommt zudem mit einem Audiokommentar vom Meister persönlich. Das hat bisher noch keine Veröffentlichung eines Jodorowsky-Films zu bieten. Hinzu kommt eine Bonus-Disc mit reichlich Hintergrundinfos zur Person Jodorowskys, dem Mitschnitt einer Podiumsdiskussion anlässlich einer Vorführung von Santa Sangre in England 2002 sowie die 1994 entstandene Dokumentation La Constellation Jodorowsky, in der neben Jodorowsky selbst auch Weggefährten wie Fernando Arrabal, Peter Gabriel oder Marcel Marceau zu Wort kommen. So zeichnet sich nach Sichtung des gesamten Bonusmaterials ein wirklich aufschlussreiches und vor allem lebendiges Bild des Ausnahmekünstlers, der bei weitem nicht so verstiegen daherkommt wie man es angesichts seiner Filme wohlmöglich vermuten würde. Zwar erwartungsgemäß ein wenig verrückt, aber keineswegs so übertrieben selbstdarstellerisch oder gar selbstherrlich wie viele seiner Kollegen, sondern voller Ironie, durchaus auch selbstkritisch und trotz seiner über 70 Lebensjahre mit einem erstaunlichen Tatendrang ausgestattet!

Spoiler

Zitat

I regret not to be gay. It would be fantastical to have a phallus in your body, somebody having a pleasure of you. [...] but man doesn't excite me. I'm a limited one. - Jodorowsky.

Zitat

The Fathers are machos. The childs are gay. Machos produce gay persons. - Jodorowsky.

Zitat

Can be taken as you want. Can be taken seriously, can be taken as humour. I am not Hitchcock. I don't aspecify the style of what I am doing. You can react as you want. I don't say you have to react like that. This is Hitchcock. That is Monstrosity. - Jodorowsky.

Zitat

I hate labels. I don't want to make a tragic picture, a horror movie, a romantic movie, a comic movie. I hate that. No definitions please. - Jodorowsky.

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When you listen a song, how many times do you listen a song? 70 times? 100 times? Why not see a picture a lot of times? Now, you know the mystery of that, you can see a new time the picture and you'll understand better. You'll like better. When you see a picture of Hitchcock, when you know the mystery, the picture is finished. Suspense is fin. - Jodorowsky.

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Mexico is a surreal country. - Jodorowsky.

Spoiler

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Warum? Es gibt kein Warum?. Wenn man Kunst kreiert, fragt man nicht Warum?. Es kommt von der Seele und dann tust Du es. Warum? Weil es fantastisch ist. Weil ich es mag!

Die Bild- und Tonqualität läßt wirklich kaum Wünsche offen. Die Farben sind schön kräftig und ihrer geplanten Wirkung entsprechend ausdrucksstark. Die Bildschärfe ist für eine schmall budgetierte End-80er-Produktion wirklich hervorragend. Zusätzlich zum gut verständlichen englischen DD 2.0-Originalton gibt es sogar eine auf 5.1 gemischte Spur, deren Effektivität ich in Ermangelung einer entsprechenden Anlage leider nicht beurteilen kann. Kurzum, wer nicht auf eine deutsche Sprachfassung (auch Untertitel gibt es nur in Englisch) angewiesen ist, der hat hier sein Rundum-Sorglos-Paket.

Santa Sangre - ScreenshotSanta Sangre - Screenshot

Im Gegensatz dazu fällt die Legend-DVD in die Kategorie, bei der man sich zwar einerseits darüber freuen darf, dass sie überhaupt existiert und diese Filmperle auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht, andererseits aber für die qualitativ mangelhafte Umsetzung kaum lobende Worte finden mag. Die bislang lediglich als Verleih-DVD veröffentlichte Scheibe bietet absolut null Extras und eine Bildqualität, die den Film auf mittelprächtigem VHS-Niveau im Vollbild präsentiert. Fehler oder Aussetzer gibt es zwar keine, aber trotzdem lässt die Schärfe insbesondere im Vergleich mit der Veröffentlichung von Anchor Bay doch sehr zu wünschen übrig. Vielleicht wird man sich ja bei einer eventuellen Verkaufsveröffentlichung, die seit nun mehr 2 Jahren im Raum und mittlerweile wohl eher in den Sternen steht, mehr Mühe geben. Zumindest war hierfür die Verwendung des Anchor Bay-Masters angedacht.

Wiederum als durchaus gelungen darf man die deutsche Synchronisation ansehen, die hier dank der auch im Original überschaubaren Dialoge zwar auch nicht vor einer unlösbaren Aufgabe gestellt wurde, aber nichtsdestotrotz eine angemessene Übertragung hinbekommen hat. Zudem bietet die Legend-DVD erfreulicherweise zusätzlich zur deutschen Sprachfassung auch noch optional den englischen Originalton an. Gerade bei Verleih-Silberlingen auch nicht selbstverständlich.

Autor: Frank Meyer
Film online seit: 29.03.2005
Letzte Textänderung: 01.04.2005

Leser-Kommentare

30.05.2007, 00:04:38 Florian Jurzitza ( Email schreiben )

Danke für dieses wunderbare Review!

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