Film Daten

Titel:
Originaltitel:
Land & Jahr:
Deutschland 1926
Laufzeit ca.: ?
63 Min.
Regie:
F.W. Murnau
Darsteller:
Hermann Picha
Rosa Valetti
André Mattoni
Werner Krauss
Lil Dagover
Lucie Höflich
Emil Jannings
Alternativtitel:
• Scheinheilige, Der
• Tartuffe
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - Transit Film
Label:
Transit Film
Regionalcode / Norm:
0 / PAL
Bild / Zeit:
1.33:1 / 62:46
Sprachen/Ton:
Deutsch - DD 2.0
Untertitel:
Englisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch
Extras:
  • Dokumentation "Tartüff - Der verschollene Film"
  • Produktionsdaten
  • 13 Biographien
  • Bildergalerie
  • Booklet mit Liner Notes

Review

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(Ein Review von Carsten Henkelmann)

Ein alter Ratsherr (Hermann Picha) wird von seiner Haushälterin (Rosa Valetti) aufopferungsvoll gepflegt. Doch hinter der Fürsorge steckt der scheinheilige Plan, das komplette Vermögen des alten Herrn zu erben. Als unerwartet sein Enkel (André Mattoni) zu Besuch kommt und sofort hinausgeschmissen wird, erkennt dieser, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Er verkleidet sich und kommt als Betreiber eines mobilen Kinos wieder in das Haus. Er zeigt den beiden ein Film, in dem ein gewisser Herr Tartüff (Emil Jannings) als geistlicher Heiliger den Herrn Orgon (Werner Krauss) derart manipuliert, dass dieser ihm auch alles vererben möchte, um so seinen Großvater von den Taten der Haushälterin zu bewahren...

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Friedrich Wilhelm Murnaus Tartüff ist im Gegensatz zu seinen bekannteren Werken wie Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens, Der Letzte Mann oder Faust ein relativ einfacher Film. Ein kleines, schon fast unauffälliges Werk neben den bekannten Filmen des deutschen Regisseurs. Im Grunde genommen besteht Tartüff aus den Elementen, die man heutzutage gemeinhin einem Krimi zusprechen würde: die intigrante Haushälterin, die den alten Mann manipuliert und sich das Erbe erschleicht und im "Film im Film" bekommt man es ebenfalls mit einem Erbschleicher zu tun, der sich zudem an Elmire (Lil Dagover), der Dame des Hauses, vergreifen will. Daneben gibt es dann die Opfer, der alte Mann bzw. der Herr Orgon, sowie die Retter, die die Lage erkannt haben, in Gestalt des Enkels bzw. Orgons Ehefrau Elmire.

Kern des Films ist aber weniger die Rahmenhandlung mit der Haushälterin, sondern die zweite Geschichte, die in dem Film "Tartüff" erzählt wird. Diese nimmt auch mehr Zeit ein als die erste Geschichte, die hier mehr als Rahmenhandlung fungiert. Tartüff ist ein Charakter, der die Religion und den damit verbundenen Einfluss auf Menschen mißbraucht, anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen und sich nebenbei auch andere Vorteile zu verschaffen. Orgon ist wie geblendet von der (Schein-)Heiligkeit Tartüffs und verhält sich ihm gegenüber geradezu unterwürfig. Daher war der Film damals bei Kirchenvertretern auch nicht gerade beliebt, da es nicht gern gesehen wurde, wenn geistliche Motive für etwas schlechtes mißbraucht wurden.

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Aus heutiger Sicht wirkt der Film leider ein wenig altbacken, was aber auch damit zu tun hat, dass man ähnliche Geschichten bereits in unzähligen anderen Filmen erzählt wurden. Allerdings sind es kleine Details, die den Film, wenn man die Entstehungszeit bedenkt, doch ein wenig interessant werden lassen. Da wäre neben den teilweise wirklich gelungenen Kameraeinstellungen vor allem der ziemlich passende Einsatz der Musik. Zwar besteht die (heutzutage) nur aus Klavierstücken, allerdings werden die stellenweise sehr akzentuiert eingesetzt, um einen gewissen Effekt zu unterstützen. So wird die Musik etwas hektischer, wenn z.B. eine Klingel stark bimmelt oder beschränkt sich auf einzelne Tastenschläge wenn eine Person eine Treppe hinuntergeht. Da erklingt ein Ton immer genau dann, wenn ein Fuß auf der nächste Stufe aufsetzt.

In zwei Dingen war der Film aber sicherlich etwas seiner Zeit voraus gewesen sein. Direkt nachdem der Enkel aus dem Haus seinen Großvaters geschmissen wurde, spricht er direkt zu der Kamera zu dem Zuschauer. Die Distanz Zuschauer-Film wird hier bewußt aufgebrochen für einen kleinen augenzwinkernden Dialog ("Glaubt mir nicht, daß ich nun so sang- und klanglos von dannen ziehe!"). Allerdings ist dies die einzige Stelle im ganzen Film, ansonsten wird die Distanz gewahrt und die Handlung spielt sich auf normaler Ebene ab.

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Und da wäre noch das Element Film-im-Film. Die Filmhistoriker mögen mich bitte korrigieren, aber meines Wissens nach wäre dies der erste Film, in dem ein Film innerhalb eines anderen Films abläuft. Im Grund genommen kann man Tartüff aber ziemlich scharf in zwei separate Geschichten unterteilen. Der Film beginnt und endet mit der Handlung "Großvater", quasi Prolog und Epilog, und der große Mittelteil wird von dem gezeigten Film "Tartüff" eingenommen. Die Einteilung kann deswegen so glatt vorgenommen werden, weil sich die beiden Geschichten in keinster Weise überschneiden. Wenn der Enkel mit der Projektion von "Tartüff" beginnt, erfolgt ein glatter Schnitt zum neuen Film ohne Übergang. Man ist sofort von der einen Handlung in die andere gesprungen.

Tartüff entstand ein Jahr nach Der Letzte Mann und ein Jahr vor Faust. Murnau drehte lediglich 21 Filme, bevor er 1931 mit 43 Jahren durch einen Unfall ums Leben kam. Tartüff war ein Projekt, zu das er mehr gezwungen wurde, denn er steckte bereits in den Vorbereitungen zu Faust. Der Film entstand zudem mit dem gleichen Kernteam, das auch schon Der Letzte Mann inszeniert hatte. Als Produzent wirkte Erich Pommer, der auch einige Filme von lang produziert hatte und später Hitchcocks Jamaica Inn. Carl Mayer schrieb das Drehbuch nach einem Theaterstück von Molière und die Kamera bediente Karl Freund, der später auch Filme wie Firt Langs Metropolis oder den Humphrey Bogart Krimi Key Largo einfing.

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Carl Mayers adaptierte das Stück von Molière nur sehr lose und benutzte eher die Gestalt des Tartüff für eine eigenständigen Film. Carl Mayers Drehbuch wurde aber von Murnau entschieden umbearbeitet. In Mayers Skript war es Elmire, die von einer Reise zurückkehrt und ihren Ehemann irgendwie verändert vorfindet, Murnau ließ hingegen den Ehemann von einer Reise zurückkehren. Es wurden sogar beide Versionen der Handlung von Murnau gedreht, er entschied sich aber seine Fassung in die Kinos zu bringen. Orgons kleines Palastanwesen wurden nach Vorlagen des französischen Schloßes Sans Souci konzipiert.

Hermann Picha begann bereits 1914 mit der Schauspielerei und hatte unter anderem eine Rolle in Das Indische Grabmal: Die Sendung des Yoghi, der nach einem Drehbuch von Fritz Lang entstand. Rosa Valetti hatte kleinere Rollen in Fritz Langs Spione, Der Blaue Engel oder M. Lil Dagover konnte man unter anderem auch in Das Kabinett des Dr. Caligari und Dr. Mabuse, der Spieler sehen. Emil Jannings spielte den Titelhelden in der 1922er Shakespeare-Adaption Othello und die Hauptrollen in Das Wachsfigurenkabinett und Der Blaue Engel.

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Die DVD aus dem Hause Transit führt die Reihe der aufwendingen Restaurationen alter deutscher Stummfilme fort und präsentiert den Film in der bestmöglichen Verfassung. Da das deutsche Negativ als verschollen gilt, wurde aus qualitativen Gründen auf ein amerikanisches Negativ zurückgegriffen. Hierbei gibt es nur das Problem, dass die amerikanische Fassung ein paar Zensurschnitten unterlag, die jetzt auf der DVD ebenfalls im Film fehlen. Das Bild ist naturlich relativ körnig, was aber mit dem damals verwendeten Filmmaterial zu tun hat. Auffällig ist die relativ gute Qualität hinsichtlich Verschmutzungen und Materialdefekten. Sie sind zwar vorhanden, aber auf ein Minimum reduziert worden. Leben muss man natürlich damit, dass die Schärfe nur so gut sein kann, wie es das Ursprungsmaterial zulässt. Außerdem wirken helle Flächen ein wenig überstrahlt, dies wird aber auch eher mit der Art der damaligen Filmproduktion zusammenhängen. Bei der Musik handelt es sich zwar um die original Kompositionen, wurde aber neu eingespielt und erklingt daher mit gutem Sound und ohne Störgeräusche aus den Lautsprechern.

Kernpunkt des Bonusmaterials ist die Dokumentation "Tartüff - Der verschollene Filme", die eine Laufzeit von über 41 Minuten aufweisen kann. Hier wird sehr detailliert auf die Entstehung des Films, die Änderungen im Drehbuch, auf die Schauspieler ud die unterschiedlichen Zensurschnitte und alternativen in anderen internationalen Fassungen eingegangen. Eine sehr ausführliche und auch sehr interessante Dokumentation, die auch die Szenen zeigt, die in der zur Restaurierung verwendeten amerikanischen Version fehlen. Warum allerdings die Szenen für die DVD nicht nachträglich wieder in den Film eingefügt wurden, wird nicht erzählt. Vermutlich wurde das nicht gemacht, weil das Bild der DVD einen Gelbton besitzt, während die Szenen in der Dokumentation in Schwarz-Weiß bzw. in Grau vorliegen. Daneben gibt es noch Produktionsdaten zum Film, 13 Biographien zu den Leuten vor und hinter der Kamera und eine Bildergalerie. Eine insgesamt ansprechende Präsentation eines weiteren Murnau-Films.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 03.04.2005
Letzte Textänderung: 05.04.2005

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