Film Daten

Titel:
The Machinist
Originaltitel:
El Maquinista
Land & Jahr:
Spanien 2004
Laufzeit ca.: ?
97 Min.
Regie:
Brad Anderson
Darsteller:
Christian Bale
Jennifer Jason Leigh
Aitana Sánchez-Gijón
John Sharian
Michael Ironside
Larry Gilliard Jr.
Reg E. Cathey
Anna Massey
Matthew Romero Moore
Robert Long
Colin Stinton
Craig Stevenson
Ferrán Lahoz
Jeremy Xidu
Norman Bell
Alternativtitel:
Der Machinist
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - EMS
Label:
EMS
Regionalcode / Norm:
2 / PAL
Bild / Zeit:
2.35:1 (anamorph) / 97:06
Sprachen/Ton:
Deutsch - DD 5.1
Deutsch - DTS
Englisch - DD 5.1
Untertitel:
Deutsch
Extras:
  • Audiokommentar von Regisseur Brad Anderson
  • Making-of "Breaking the Rules"
  • Behind the Scenes
  • Deleted + Alternate Scenes
  • 2 Trailer
  • Bildergalerie
  • Biographien
  • Presseheft
  • weitere Trailer: Evil / Oldboy / Cube Zero / This Girl's Life / Legend of the Evil Lake / Monster / Impulse / Anazapta / Ginger Snaps III
  • Booklet mit Christian Bale Interview

The Machinist

Review

The Machinist - Logo

(Ein Review von Carsten Henkelmann)

Trevor Reznik (Christian Bale) leidet seit einem Jahr an Schlafstörungen und nimmt dadurch immer mehr ab. Seine einzigen Freunde sind die Prostituierte Stevie (Jennifer Jason Leigh), die er ab und zu besucht, und die Kellnerin Marie (Aitana Sánchez-Gijón), bei der er nach der Arbeit immer einen Kaffee trinkt. Eines Tages lernt er den neuen Arbeitskollegen Ivan (John Sharian) kennen, der ihm ein wenig seltsam vorkommt. Eines Tages wird er durch Ivan auf der Arbeit abgelenkt und startet versehentlich eine Maschine, wodurch sein Kollege Miller (Michael Ironside) einen Arm verliert. Und niemand außer Trevor kennt Ivan oder hat ihn jemals gesehen...

The Machinist - ScreenshotThe Machinist - Screenshot

Wenn bei einen Film im Vorfeld mehr über die Hungerkur des Hauptdarstellers als über den Film an sich berichtet wird, darf man im Normalfall eigentlich immer recht skeptisch bleiben, ob das nicht irgendwie vom Film ablenken soll. Im Falle von The Machinist erfüllten sich diese Befürchtungen allerdings nicht, denn diese extreme Form des "Method Acting" war äußerst dienlich für den Film und die Verkörperung des Hauptcharakters Trevor Reznik. Trevor kann seit einem Jahr nicht mehr richtig schlafen und verliert mehr und mehr an Gewicht. Christian Bale hungerte sich für diese Rolle auf ganze 55 Kilo herunter und sieht in einer Szene des Films wirklich wie ein Zombie aus, den er gerade zum Spaß vor Stevie imitiert. Auf den ersten Blick erkennt man kaum den Schauspieler, der in Filmen wie American Psycho, Reign of Fire (Herrschaft des Feuers) oder Equilibrium die Hauptrolle spielte. Aber gerade dadurch gelingt es ihm seinen Charakter sehr glaubhaft zu verkörpern.

Zitat

If you were any thinner, you wouldn't exist.

Von seinen Schlafstörungen einmal abgesehen, ist Trevor zwar ein meistens einsamer, aber nicht unbedingt bewußt isolierter Mensch. Er geht normal seiner Arbeit nach, wird von seinen Kollegen einigermaßen respektiert und hat in Stevie sowas wie seine beste Freundin gefunden, mit der er allerdings immer noch gegen Bezahlung schläft. Als zweite gute Bekanntschaft pflegt er den Kontakt zu Marie aus dem Flughafen-Cafe, die ihn sogar einmal bittet zusammen mit ihrem Sohn über den Rummelplatz zu gehen. Aber mit dem Erscheinen von Ivan und dem fatalen Arbeitsunfall geht eine Veränderung in Trevor vor, die sich nicht gerade zu seinem Vorteil entwickelt. Die Beziehung zu Stevie wird mehr und mehr strapaziert und seine Arbeitskollegen wollen auch nichts mehr mit ihm zu tun haben. Zudem scheint sich in seiner Abwesenheit jemand in seine Wohnung zu schleichen und hinterläßt kleine PostIt-Zettel mit einer Figur am Galgen und nur wenigen Buchstaben darunter, das klassische Hangman-Spiel. Hier versucht Trevor verzweifelt herauszufinden, was das Wort bedeuten könnte und vor allem wer dahintersteckt.

The Machinist - ScreenshotThe Machinist - Screenshot

The Machinist ist ein durch und durch düsterer Film. In der Post-Production wurden sogar noch einige Farben herausgefiltert um den Film ein schon fast monochrones Aussehen zu geben. Nur sehr selten brechen mal andere (Signal-)Farben aus dem Blau-Grau-Braun-Farbspektrum heraus. Trevors Wohnung wirkt eng, nicht wirklich gemütlich und ist meist nur schlecht beleuchtet. Aber trotzdem scheint er sich einigermaßen darin wohlzufühlen. Seine permanente Schlaflosigkeit treibt aber seltsame Blüten. So hat er mit der Zeit einen Reinigungstick entwickelt um die Zeit in der Nacht zu überbrücken und putzt einmal sogar die Fliesenritzen des Badezimmerbodens mit einer Zahnbürste sauber.

Was dies Verhalten verursacht und was es mit Ivan auf sich hat, kann der filmerfahrene oder sehr aufmerksame Zuschauer relativ schnell herausfinden, in der Hinsicht bringt der Film nicht unbedingt was Neues. Extrem anspruchsvolle Filmfans wird es vielleicht stören, dass am Ende alles schlüssig aufgelöst wird und so der Reiz des Interpretierens fast komplett ausgelöscht wird. Hier lag es allerdings auch nicht in der Absicht von Regisseur und Drehbuchautor den Zuschauer damit zu überraschen, WAS passiert, sondern mehr zu begründen WARUM und vor allem einfach aus Trevors Prespektive heraus sein Lebens zu zeigen. Ein Leben am Rande des Wahnsinns und zunehmender Orientierungslosigkeit. Und dabei wird das Innenleben Trevors sehr detailliert dargestellt. Kein Element in dem Film scheint überflüssig oder gar sinnlos zu sein. Dabei empfiehlt es sich auch, den Film nicht nur einmal zu betrachten, sondern mindestens eine Wiederholung einzulegen, um noch mehr Details zu erfassen, die man beim ersten Mal nicht unbedingt wahrgenommen hat.

The Machinist - ScreenshotThe Machinist - Screenshot

Was diesen Film aber auch für Leute ansprechbar macht, die nun nicht gerade auf die schwer deutbaren Filme eines Regisseurs wie z.B. David Lynch stehen, ist der geniale Gratwandel Richtung Surrealität, ohne dabei abgehoben oder künstlerisch zu wirken. Sequenzen wie z.B. die Geisterbahnfahrt haben etwas enorm surreales an sich, fügen sich aber exzellent in die Handlung ein, alles wirkt wie aus einem Guß. Dazu tragen aber auch die sehr gut agierenden Nebendarsteller ihren Anteil bei. Jennifer Jason Leigh ist hier besonders hervorzuheben, aber auch Michael Ironside oder Aitana Sánchez-Gijón als alleinerziehende Mutter Marie machen ihre Sache sehr gut.

Gedreht wurde der Film aber nicht wie man vermuten könnte irgendwo in Los Angeles oder Amerika überhaupt, sondern entstand im Jahre 2003 komplett in Barcelona, wo die Produktionsfirma Filmax den Film auch finanzierte. Bei der zweieinhalb-jährigen Suche nach Geldgebern in Amerika fanden sich zwar genügend Leute die das Drehbuch lobten, aber sich wegen des unkommerziellen Stoffes dann doch vor einer Finanzierung fürchteten. Die Spanier Filmax dagegen wollte nicht mal die kleinste Änderung im Drehbuch haben, sondern waren von Anfang an begeistert. Die Dreharbeiten in Spanien stellte allerdings beim Casting ein Problem dar, denn es mussten für die Nebenrollen Schauspieler gefunden werden, die so gut englisch sprechen konnten, dass kein Akzent all zu deutlich herauszuhören ist. Dabei wurde dann auch auf Schauspieler amerikanischer oder britischer Abstammung zurückgegriffen, die in Spanien lebten. Eines der Hauptprobleme war es allerdings, Barcelona im Film wie Los Angeles bzw. eine typische amerikanische Großstadt wirken zu lassen.

The Machinist - ScreenshotThe Machinist - Screenshot

Dies ist der erste Film von Regisseur Brad Anderson, der überhaupt mal ein größeres internationales Publikum fand. Zu seinen ersteren größeren Produktionen gehörten Next Stop Wonderland und Happy Accidents, Genrefans wird er aber evtl. mit seinem Session 9 aufgefallen sein. Danach folgten jeweils eine Folge für die Serien The Shield und The Wire, bis er dann The Machinist drehen konnte. Sein nächstes Projekt ist das Remake des George A. Romeros Films The Crazies. Von Drehbuchautor Scott Kosar hat man auch erst in der jüngsten Zeit gehört, vor The Machinist schrieb er nur das Drehbuch zum durchwachsenen Texas Chainsaw Massacre Remake. Und mit der Arbeit zu den neuen Varianten von The Crazies und Amityville Horror blieb er den Remakes treu.

In Deutschland wurde der Film von EMS zuerst in die Kinos gebracht, bevor es an die Veröffentlichung der DVDs ging. Lobenswerterweise würdigt man den Film in Form eines Doppel-DVD-Sets im Digipack und Pappschuber. Das anamorphe Bild im Format 2.35:1 macht einen sehr guten Eindruck. Es ist scharf, fast rauschfrei und Defekte oder irgendwelche Verschmutzungen des Originalmaterials müsste man schon mit einer sehr guten Lupe suchen. Der Kontrast wirkt ein wenig steil, aber dies ist eher als gewolltes Stilmittel des Regisseurs anzusehen. Die Farben werden ebenfalls recht akurat wiedergegeben. Der Ton liegt neben dem englischen Originalton in Dolby Digital 5.1 noch in der deutschen Synchronisation in 5.1 und auch DTS vor. Alle Tonspuren bieten eine gute Dialogverständlichkeit, einen dynamischen Soundtrack und stellenweise eine schöne Räumlichkeit. Große Effekte braucht man bei einem Film wie diesen nicht erwarten, aber das was vorliegt wurde ansprechend auf die Lautsprecher verteilt.

The Machinist - ScreenshotThe Machinist - Screenshot

Kernpunkt der Extras und einziges nennenswertes Bonusmaterial auf der ersten DVD ist der Audiokommentar von Regisseur Brad Anderson. Er hat einiges über den Film und seinen Entstehungsprozess zu erzählen. Pausen gibt es eher selten und Anderson verliert sich auch nicht in belangloser Kommentierung der Handlung des Films, so das man einiges an Informationen hieraus ziehen kann. Deutsche Untertitel gibt es allerdings dazu nicht, halbwegs stabile Englischkenntnisse sollten also schon vorhanden sein. Ansonsten gibt es auf der Film-DVD nur noch den Trailer zum Film und Trailer zu den weiteren EMS-Titeln Evil, Oldboy, Cube Zero, This Girl's Life, Legend of the Evil Lake, Monster, Impulse, Anazapta und Ginger Snaps III.

DVD Nummer zwei wird dann gleich mit dem 31-minütigen Making-of "The Machinist - Breaking the Rules" eingeleitet. Das bietet neben einigen Einblicken in die Dreharbeiten begleitende Kommentare von Brad Anderson, Scott Kosar, Christian Bale und anderen Beteiligten und ist unterm Strich doch relativ interessant ausgefallen. Noch mehr Eindrücke von der Arbeit am Film kann man in der 20-minütigen Behind-the-Scenes Featurette erlangen. Aber wie bei Beiträgen dieser Art üblich, gibt es keinen weiteren Kommentar dazu, so dass sich der reine Informationsgehalt auf dem Nullpunkt bewegt.

The Machinist - ScreenshotThe Machinist - Screenshot

Als nächster Punkt folgen 8 entfernte bzw. alternative Szenen, von denen zwei noch mit einem kurzen Kommentar Brad Andersons versehen wurden. Das diese Szenen im Film fehlen ist leicht zu verschmerzen, denn sie hätten ihm keine neuen Aspekte verliehen und sind daher nur der Vollständigkeit halber interessant. Die restlichen Extras sind dann die üblichen Zutaten: 2 Trailer, eine Bildergalerie, Biographien zu Christian Bale, Jennifer Jason Leigh, Michael Ironside, Aitana Sánchez-Gijón und Brad Anderson. Als DVD-ROM Feature findet man außerdem noch das deutsche Presseheft im PDF-Format. Das 12-seitige Booklet bietet zudem noch ein Interview mit Christian Bale.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 18.08.2005
Letzte Textänderung: 21.08.2005

Leser-Kommentare

02.09.2005, 10:59:01 Dietmar Kesten ( Email schreiben )

THE MACHINIST

STIGMATISIERUNG

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 2. SEPTEMBER 2005.

Trevor Reznik (Christian BALE), ein Maschinist, wird
von Ivan (John SHARIAN) verfolgt. So scheint es.
Ivan ist Furchteinflössend, ein monströses Monster, wenn man
diese Bezeichnung anwenden sollte: riesige Zähne, mehr als
hundert Kilo Körpergewicht, die linke Hand ist ein vernarbter
Klumpen mit Krüppelfingern.
Trevor ist ein Einzelgänger, der zwischen Arbeitsplatz
und seiner Wohnung pendelt. Seit Monaten hat er nicht mehr
geschlafen, er ist apathisch und traumatisiert. Alles um ihn herum
scheint stillzustehen. Seine Kollegen nehmen ihn nicht ernst.
Leidet er unter Verfolgungswahn, unter einer schlimmen Paranoia
unter abnormalen Verhaltensweisen?
Der Handlungsverlauf scheint keinen Sinn zu ergeben. Die Jagd
nach einem Mann, den niemand außer ihm gesehen haben will,
beginnt. Ist er manisch depressiv erkrankt, leidet der Held unter
jenen besonderen Symptomen, die man mit Dementia praecox
bezeichnet, leidet er unter emotionaler Abstumpfung, Verlust
von Antrieb und Initiative?
Verliert das eigene Ich den Bezug zur Realität, ist die Störung
von Trevor von Wahnvorstellungen durchzogen, wer ist dafür
verantwortlich, halluziniert er?
Der Film ?The Machinist? (Regie: Brad ANDERSON) problematisiert
gleich zu Anfang diese beängstigenden Fragen. Sie sind es doch,
die Trevor bei seinen Nachforschungen begleiten und ebenso
verunsichern. Das Trauma beginnt.

Was ist ?The Machinist?: ein (Psycho-)Thriller, ein verwirrendes
Drama um Realität und Wahnsinn, ein Puzzle, das zusammengesetzt
eine bedrohliche Atmosphäre zeigen will, der man unterliegen
kann? ANDERSON (?Session 9?, 2001) hält die Katastrophe fest.
Sie wird ungemütlich und gibt ein Rätsel nach dem anderen auf.
Wer hinterlässt jene seltsamen Nachrichten in Trevors Wohnung,
ist er Opfer von Verschwörungen; denn er war Schuld an einem
Unfall, bei dem ein Kollege einen Arm verlor?
Ist es letztlich nur die Schlaflosigkeit, die zermürbt, und die wie
eine Droge nur Facetten der alltäglichen Wahrnehmung zulässt?
So kann man den Verstand verlieren, so kann man jeden Moment
durchdrehen und nicht mehr ins Leben zurückfinden.
Wenn dazu noch die Wohnung, die einem zum existieren bleibt,
trist und marode ist, wenn Straßen und Landschaften monochrom,
eisig und düster sind, wenn sie dazu noch kein Licht zulassen
und wie ein felsiger Steilhang wirken, dann sind die Abgründe,
die sich auftun finster und erschrecklich.

Man erinnert sich gerne an Franz KAFKA.
In seinem Roman ?Der Prozess? (1914/15) heißt es an einer
Stelle:
?Jemand muss Josef K. verleumdet haben; denn ohne dass er
etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.?
War es die Täuschung oder die Einbildung, die dieser Verhaftung
zugrunde lag? Was wollte KAFKA ausdrücken?
War es der Schock der Verhaftung, der hier unmittelbar
hervorbrach, und der die beklemmenden Vorgänge in eine
unerträgliche Widersprüchlichkeit hineinführte?
Sind es Strafvisionen, oder in Anlehnung an KAFKA
?Strafkolonien?, in der prophetische Visionen der
unvorstellbaren Grausamkeiten wahr werden, Strafphantasien,
die als psychoanalytisches Defensive gedeutet werden können,
oder ist es letztlich nur ein gescheiterter Existenzentwurf, der
sich hier herauskristallisiert, und der sich zum allgemeinen
menschlichen Desaster der Protagonisten emporschwingt?
KAFKA hatte diese Ebene des allgemeinen menschlichen
Versagens, wenn man so will, beschrieben.

Die menschliche Gesellschaft würde nach ADORNO zu nichts
anderem gut sein, als die ?Verschleppung? der Menschen zu
organisieren. ?Der Prozess? sein so die Verkörperung der
?bösen Welt?, sozialpolitische Realität der ?modernen
Weltwirklichkeit?.
Tatsächlich erscheint sie uns als blinde Kettenreaktion,
mit immer neuen Verhaftungen, scheinbaren Freisprechungen,
Anklagen, sklavischer Abhängigkeit, ermüdenden
Beziehungen, Überrumpelungen, Quälereien, Demütigungen,
bitterster (Ent-)Täuschungen, Schockzuständen und
Barbarei.
Trevors Gedankengänge scheinen in seiner ?bösen Welt?
gestört zu sein.
Die Routine der Wahrnehmung ist endgültig dahin. Der
Versuch der Wahrheitsfindung erweckt falsche
Vertrautheit. Er nimmt womöglich nur noch die
Gebrechlichkeit wahr.
Sein Denken wird unbestimmt und die plötzliche
Unterbrechung seiner Gedankenabläufe scheinen sich
gegen ihn selbst zu richten.
Trevor sucht die Spuren seiner Lebendigkeit, findet sie
aber nicht.
Er notiert seine Körpergewichte: 134, 124, 119 Pfund!
?Wenn du noch dünner würdest, würde dich man nicht
mehr sehen?, sagt Stevie (Jennifer JASON-LEIGH)
die Prostituierte. Trevor ist ihr bester Kunde.
Ihr vertraut er sich an und der Flughafenkellnerin
Marie (Aitana SANCHEZ-GIJON).

Verachtung, Demütigung, Zweideutigkeit und
Konfusion. KAFKA lässt nicht nur grüßen: filmisch
spricht er auch. Aus jedem Bild, aus den Dialogen, aus dem
düsteren Ambiente, aus der Abgründigkeit. Der Trip
ist präzise beklemmend.
Deshalb mag Trevors latente Stimmung auch launisch und
unausgewogen sein. Er scheint in Schüben zu halluzinieren.
Der völlige Schlafentzug führt zu auditiven und visuellen
Gedächtnislücken. Der fortschreitende Wachzustand
fällt zusammen mit der absoluten Einsamkeit.
Beides bewirkt den Wahn, der in zusammenhangslose
oftmals auch bizarre Erlebnisse einmündet.
Wenn Trevor diese Stadien durchläuft, erinnert man sich
an ?Spider?.
Die Depression ist dort wie hier gleich. In der
Katalepsie muss auch Trevor den Verlust seines Ich
miterleben.

Die Selbstenthauptung, der er unterliegt, zerstört
auch die menschliche Einbildungskraft, in der
alle Regeln eingebunden zu sein scheinen: die
Spielarten der Kommunikation, Wahrnehmung
Begehren, Wünsche, Träume, Ideale, Phantasien,
Konsum, Veränderungen im großen und kleinen.
Sind sie doch nichts anderes als Hokuspokus des
global agierenden Kapitalismus. Dass seine
Lebensformen unentrinnbar in die Irre führen
müssen, erscheint plausibel.
Dieser Sinnesverlust steht Trevor buchstäblich ins
Gesicht geschrieben. Man kommt ohne aberwitzige
Dialoge aus, die wie Selbstgespräche dröhnen wenn
aus dem diensthabenden Körper jene
Sprechblasen entweichen, die Verständigung
hervorrufen sollten, aber doch mehr wechselseitige
Verachtung erzeugen.

Trevor lässt das alles in seiner Paranoia verdampfen.
Durch seine Welt schwebt ein unsichtbares Band,
eine zweite Haut, eine jähe und letzte Umarmung, die
für einen Todgeweihten bestimmt ist. Die undefinierte
Linie eines Getriebenen ohne analytische Rettung.
Doch es lässt sich nicht immer das Scheidewasser
finden, das den Schlamm vom Gold trennt, die reale
von der finsteren und fiktiven Welt.
Die Wachphasen sind ebenso ein Alptraum wie
Vernichtungspotentiale des Gedächtnis.
So kann es passieren, dass man auf der Suche nach
dem subversiven Zentrum den Wettlauf verliert.
?The Machinist? hält alle Gegensätze parat, die dem
Betroffenen keine Kraft zur Reflexion seines Zustandes
lassen.

Filmisch betrachtet, ist die notgedrungene Wendung
von Trevor, seine Findung, der Rückzug auf die intensive
Beschäftigung mit sich selbst.
Bei ?Spider? war die radikale Selbstbezogenheit
jene Bewegungsart, die den Film von Anfang bis zum
bitteren Ende beherrschte.
Aber ?Spider? war nun auch kein psychologischer
Horrorfilm, der ?The Machinist? sein soll, könnte,
vermutlich ist, oder doch nicht, weil das Unwirkliche doch
besonders exzessiv dargestellt ist. Den Halt zu
verlieren, mit den Erinnerungen zu leben, mit denen man
nicht leben kann, ist wie ein schlechtes Gewissen,
das uns an Menschen bindet, das unausräumbare
Gefühl, überall auf rätselhafte Weise an allem Schuld
zu sein.
Und hier wird die abschüssige Ebene, die normalerweise
keinen Halt zulässt, zum Ankerwurf.
Man findet zu sich selbst. Im Trakt des eigenen Gefängnis
bekommt die Verwandlungsform des Ich die mögliche
Wendung, es erhält eine Überlebenschance.
Und nicht nur KAFKA ist es, der als Prototyp für eine
heftige Schuldabwehr aber auch Findung steht. Man könnte
auch DOSTOJEWSKI heranziehen, BENJAMIN, KRAUS,
HITCHCOCK, KUBRICK, FELLINI, ALTMAN,
LYNCH, CRONENBERG, vor allem aber Sigmund FREUD.
Die Wiederkehr des Verdrängten- literarisch und
filmisch laufen hier Höhepunkte nacheinander ab.
Das als eigentliches Motto des Film zu bezeichnen,
solle zu begreifen sein.
Den Kampf gegen die selbstgestrickte Anarchie
aufnehmen und gegen die Ströme des Vergessens
anzukämpfen, sich zu ?verwandeln? und den
schmerzhaften Abschieden zu entrinnen, sollte
dem kranken Denken den Garaus machen können.

Die bedrückende Gegenwart, Vision, Realität und
immer wieder Fiktionen. Das ist perfekt, besser noch:
phänomenal. Hier passt selbst der ?Highway to Hell?,
oder doch ?Road to Salvation??
Man wird sich entscheiden müssen. So auch über die
Schlussbetrachtung.
Sie mag am Ende sehr frustrierend sein, weil gerade
sie aus dem Versuch geboren ist, etwas perfektes
zu machen. Und doch ist es das nicht, weil hier
?The End? kein wahres Ende ist, sondern ein alter
Anfang für die neuen Abgründe, die von Klischees
beherrscht werden.
Und die neuen Bilder, die entstehen, fließen in die alten
ein. Alles hat seinen Preis. Selbst die Paranoia.

Fazit: Ein gelungener, streckenweise mehr als
überragender Film.
Die Kameraarbeit (Xavi GIMENEZ) ist fesselnd und
involvierend. Sie eröffnet weite Spielräume für kommende
Filmarbeiten.
Selten hat man Grautöne so grau gesehen, selten hat
man solche durchstrukturierten Bilder gesehen.
Die Industrielandschaft suggeriert die extremen
Angstzustände, die man entwickeln muss, wenn man
sich in deren Ruinen bewegt. Hierzu passt eigentlich
nur die Ruinenstadt aus ?Blade Runner? (Regie:
Ridley Scott, 1982).
Gespenstisch und erdrückend- hier sind die Bilder
der Gegenwart und der Vergangenheit präsent.
Christian Bale erschwert es ein wenig, den Blick auf
seine Gesamtleistung zu lenken.
Er kommt einem zuweilen vor, wie der sterbende
Holger Meins der ehemaligen RAF.
Ausgemergelt erscheint er auf der Bildfläche wie
(s)ein wandelnder Leichnam. Allerdings raffiniert
in Szene gesetzt.

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann