Film Daten

Titel:
Singapore Sling
Originaltitel:
Singapore Sling
Land & Jahr:
Griechenland 1990
Laufzeit ca.: ?
111 Min.
Regie:
Nikos Nikolaidis
Darsteller:
Panos Thanassoulis
Meredyth Herold
Michele Valley
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - Synapse Films
Label:
Synapse Films
Regionalcode / Norm:
0 / NTSC
Bild / Zeit:
1.66:1 (anamorph) / 111:08
Sprachen/Ton:
Englisch - DD 2.0
Untertitel:
Englisch
Extras:
  • Trailer
  • Bildergalerie

Singapore Sling

Review

Singapore Sling - Logo

(Ein Review von Carsten Henkelmann)

Ein Detektiv (Panos Thanassoulis) sucht nach einer verschwundenen Frau namens Laura, die wahrscheinlich ermordet wurde. Bei seinen Ermittlungen landet er schwer verletzt in dem angelegenen Haus einer Frau und ihrer Tochter (Michele Valley, Meredyth Herold). Dort wird er gefesselt, für sexuelle Spielchen mißbraucht und lobotomisiert. Kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen, muss er auf weiteres bei den nymphomanen und mordenden Frauen bleiben und ist ihren Spielchen hilflos ausgeliefert ...

Singapore Sling - ScreenshotSingapore Sling - Screenshot

Immer dann, wenn man eigentlich meint schon fast alles gesehen zu haben, kommt so ein Film wie Singapore Sling daher und belehrt einen eines Besseren. Und bestärkt nebenbei den Filmsammler darin, dass es doch immer noch etwas zu entdecken gibt. Singapore Sling zu beschreiben fällt aber nicht gerade leicht. Im kontrastreichen Schwarz-Weiß gedreht, beginnt er zunächst wie eine Hommage an die goldenen Screwball-Comedies der 1940er Jahre, durch den Detektiv noch vermischt mit einem guten Schuß Film-Noir. Was sich dann aber nach der Einleitung abspielt, geht dann schon wieder in eine völlig andere Richtung. Die Mutter und Tochter leben in einem inzestiösen Verhältnis miteinander und vertreiben sich die Zeit mit sexuellen Rollenspielen. Als dann der Detektiv in ihr Haus stolpert, ist vor allem die verhaltensgestörte Tochter dauererregt, denn der letzte Mann im Haus war ihr Chauffeur, der seine letzte Ruhe mittlerweile im Garten gefunden hat - verursacht durch die Mordlust seiner Arbeitgeberinnen. Die Folter ist für sie das Mittel um zum sexuellen Höhepunkt zu kommen und der Detektiv, von der Tochter kurzerhand Singapore Sling in Anlehnung an einen gleichnamigen Cocktail so getauft, ein willkommenes und willenloses Spielzeug.

Sowohl als Kriminalfilm als auch als erotischer Film ist Singapore Sling durch und durch ungewöhnlich. Während die Kriminalaspekte, Kamera und Musik sehr stark an klassische Film-Noirs erinnern und sich die Optik allgemein sehr an die 1930er/40er Jahren orientiert, so sind die sexuellen Momente - und von denen gibt es nicht gerade wenige - ebenfalls sehr ungewöhnlich für die meisten Zuschauer. Nicht nur, dass die Mutter beide Geschlechter in ihrem Körper vereint(!), sondern hier wird Singapore Sling im sexuellen Rausch schon mal angekotzt oder auf ihn drauf gepinkelt (wobei es im Film nicht so extrem wirkt, wie es sich hier vielleicht anhört). Klassische Sado-Maso-Spielchen im Keller gehören dabei genauso dazu wie auch ein recht unappetitliches gemeinsames Essen, bei dem sich die beiden Frauen bis zur Erregung mit seltsamen Gerichten vollstopfen und dabei gegen ihre eigene Übelkeit ankämpfen.

Singapore Sling - ScreenshotSingapore Sling - Screenshot

Die Person Singapore Sling selbst stellt den aus Noirs so bekannten abgehalfterten Detektiv dar, der sich von seinen eigenen Dämonen verfolgt fühlt. Jene Laura war nicht nur ein Fall für ihn, sondern auch seine große Liebe und seit ihrem Verschwinden flüchtete er sich in den Alkohol. Die Konfrontation mit dem Mutter-Tochter-Gespann wirft ihn endgültig aus der Welt. Schwer verwundet, erwacht er noch halb im Delirium in einem Haus, in dem Sex und Folter von zwei Frauen wie selbstverständlich betrieben wird. Abgeschottet durch die isolierte Lage des Hauses und für die erste Zeit gefesselt ans Bett, ist Hilfe für ihn unerreichbar. Nur die verzweifelte Suche nach Laura lässt ihn aktiv bleiben. Aber gab es diese Laura wirklich? Wenn ja, war Laura überhaupt jemals bei den beiden Frauen? Ist sie überhaupt wirklich ermordet worden? Ist die Tochter vielleicht Laura oder führt sie nur das Rollenspiel mit ihrer Mutter weiter? In einer unwirklichen Atmosphäre vermischen sich eigene Erwartungen, Enttäuschungen, Träume und Wahnvorstellungen zu einem Kaleidoskop surrealer Wahrnehmungen, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Um aber weiter auf Singapore Sling eingehen zu können, ist zunächst ein kleiner Exkurs zu einem Film ganz anderer Güteklasse nötig. 1944 schuf der gebürtige Wiener Otto Preminger für die 20th Century Fox den Film Noir Thriller Laura. In diesem Film geht es um den Detektiv Mark McPherson (Dana Andrews), der den Mord an der schönen Laura (Gene Tierney) untersucht, die mit dem älteren Kolumnenschreiber Waldo Lydecker (Clifton Webb) und dem Lebemann Shelby Carpenter (Vincent Price) zwei glühende Verehrer um sich hatte. McPherson selbst hat eben jene Laura nie getroffen, aber durch die Beschreibungen Lydeckers und Carpenters und einem sehr gut getroffenen Porträt, das in ihrer Wohnung hängt, verliebt auch er sich in die Frau. Die Handlung nimmt dann noch einige unvorhersehbare Wendungen und McPherson begibt sich auf eine emotionale Suche nach der Wahrheit. Nicht zu unrecht gilt Laura heutzutage als ein Klassiker und sollte von jedem gesehen werden, der sich auch nur ansatzweise für Krimis und Thriller interessiert. Den Werken eines Alfred Hitchcock steht Premingers Film jedenfalls in nichts nach. (In Deutschland ist außerdem eine wirklich empfehlenswerte Special Edition Doppel-DVD von Laura erschienen, die neben dem Film in guter Qualität auch noch wirklich interessante Extras zu bieten hat. Kauftipp!)

Singapore Sling - ScreenshotSingapore Sling - Screenshot

Mit Premingers Film hat Singapore Sling natürlich bis auf ein paar wenige Elemente eigentlich nichts gemeinsam. Allerdings ist nicht zu verkennen, dass Laura, sowie der Film-Noir an sich, ein großer Einfluss war und dem Film mit Singapore Sling ein wenig Hommage gezollt wurde. Der Detektiv Singapore Sling ist das (menschlich eindeutig gescheiterte) Gegenstück zu Mark McPherson. Ein Porträt einer Frau, die wohl eben jene Laura darstellen soll, hängt auch an prominenter Stelle in dem Haus der Mutter und Tochter. Die Verehrer Lydecker und Shelby sind in Singapore Sling nicht zu entdecken, allerdings nehmen die Mutter und die Tochter in dem Sinne deren Positionen ein, als das der Detektiv mit ihnen konfrontiert wird und sich mit ihnen arrangieren muss, so wie McPherson in Premingers Film mit den beiden Verehrern Lauras. Während aber in Laura jener titelgebender Charakter durch die Erzählungen in Rückblenden im Film erscheint, bleibt sie in Singapore Sling eine unbekannte Person, von der man nicht sehr viel erfährt. Die letzte und sehr offensichtliche Gemeinsamkeit beider Filme ist dann noch natürlich, dass es sich bei beiden um schwarz-weiß-Filme handelt.

Aber wie ist nun Singapore Sling zu werten? Meisterwerk? Totaler Schwachsinn? Die Antwort dürfte den meisten Zuschauern schwer fallen. Denn auch wenn man sich von dem Gezeigten vielleicht abgeschreckt fühlen mag, so kann man doch nicht leugnen, dass Nikos Nikolaidis ein sehr ungewöhnlicher Film gelungen ist, der klassisches Noir-Kino mit moderner surrealer und subversiver Filmkunst vereint. Singapore Sling ist gleichzeitig schön wie auch ekelhaft. Tiefste menschliche Abgründe und Perversionen werden in wunderbar fotografierten Bildern eingefangen, die durch das kontrastreiche Schwarz-Weiß zu kleinen Gemälden werden. Ungewöhnlich ist auch die Erzählweise durch die Charaktere. Während Singapore Slings Off-Stimme noch klassischen Noir-Vorbildern folgt, durchbricht die Tochter - und ab und zu auch die Mutter - die letzte Distanz zum Zuschauer und spricht direkt zu ihm, meistens dann wenn es um ihre Vergangenheit oder die Familienverhältnisse geht.

Singapore Sling - ScreenshotSingapore Sling - Screenshot

Wenn Singapore Sling unter einem kleinen Problem leidet, dann ist es seine Laufzeit von über 100 Minuten. Gerade im Mittelteil hat man ab und zu das Gefühl, dass sich kleinere Längen und Wiederholungen breit machen. Ansonsten bietet der Film aber trotz seiner teils radikalen Elemente eine kaum zu beschreibende Art von Unterhaltung. Gerade der Humor in dem Film ist von einer besonderen Güte. Anfangs beobachtet man die beiden Frauen, wie sie in strömenden Regen ihr letztes Opfer im Garten vergraben und sich dabei gegenseitig die Erde an den Kopf schmeißen. Später gibt es eine Sequenz, in der die beiden Frauen jede für sich versucht beim gemeinsamen Sex mit Singapore Sling unbemerkt die Pistole des Vaters an sich zu nehmen, aber durch Singapores Liebesspiel dabei jedesmal so abgelenkt werden, dass dann doch die andere wieder an die Waffe kommen kann. Und dies sind nicht die einzigen absurden Momente.

Singapore Sling ist radikales Kino für eine kleine Zielgruppe, die ihn aber deswegen wohl um so mehr zu schätzen weiß. Es ist kein harter Horrorfilm, kein spannender Thriller, kein schlüpfriger Sexfilm und kein mitreißendes Drama. Ein Film zwischen allen Stühlen und kaum in wenigen Sätzen zu beschreiben. Nikos Nikolaidis gelang es mit Singapore Sling Sex und Gewalt in ein Korsett zu schnüren, das sich im Ganzen zu filmischer Kunst erhebt. Den meisten Zuschauern wird der Film wohl nicht munden und ein Offenheit abseits allen Schubladendenkens sollte Voraussetzung sein, bevor man sich an diesen Film heranwagt. Wer sich aber nicht scheut und den Zugang zu diesem Werk findet, wird mit einer außergewöhnlichen filmischen Erfahrung belohnt, was durchaus zu einem nochmaligen Ansehen verleiten kann.

Singapore Sling - ScreenshotSingapore Sling - Screenshot

Regisseur Nikos Nikolaidis hat nicht gerade viele Filme im Laufe seiner Karriere gedreht, allerdings waren es immer Werke die polarisierten. Er begann 1975 mit Euridice B.A. 2037 (Evridiki B.A. 2037). Erst 1979 folgte dann mit The Wretches are Still Singing (Ta Kourelia tragoudane akoma) sein zweiter Film, der aufgrund der Reviews kommunistisch gefärbter Kritiker von der rechtspolitischen Regierung aus den Kinos verbannt und erst später wieder freigegeben wurde. Im gleichmäßigen Abstand von jeweils vier Jahren folgten dann Sweet Bunch (Glykia symmoria, 1983) und Morning Patrol (Proini peripolos, 1987). Alle Filme wurden in den jeweiligen Jahren bei den Thessaloniki Film Festival in Griechenland mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 2003 drehte Nikolaidis The Loser Takes All (O Hamenos ta pairnei ola) und 2005 The Zero Years.

Weitere Informationen über die drei Darsteller sind mir allerdings kaum bekannt. Panos Thanassoulis hatte zuvor schon in Morning Patrol mit Nikolaidis zusammengearbeitet, später war er unter anderem noch in Addio Berlin (Addio Verolino, 1994) zu sehen. Meredyth Herold wurde für ihre Rolle in Singapore Sling als beste Schauspielerin beim 1990er Film Festival in Thessaloniki ausgezeichnet, hat aber laut IMDB nur noch in Nikolaidis 1993er TV-Produktion Girl with the Suitcases (To Koritsi me tis valitses, 1993) mitgewirkt. Auch Michele Valley war in nicht gerade sehr vielen Filmen zu drehen. Außer einigen Werken von Nikolaidis war sie noch in Die Bikinifalle (Pretty Smart, 1987), Crystal Nights (Kristallines Nichtes, 1992) oder griechischen TV-Serien zu sehen gewesen.

Singapore Sling - ScreenshotSingapore Sling - Screenshot

Auf DVD kann man Singapore Sling aus den USA beziehen, wo sich Synapse Films dieses seltsamen Werkes angenommen haben. Die Bildqualität überrascht mit einer klaren Schärfe und einem generell guten Zustand des Masters. Der Kontrast, sehr wichtig bei einem schwarz-weiß-Film, weiß dabei auch zu gefallen. Leider konnten Synapse aber nur auf ein Master zurückgreifen, in dem während der Monolge des Detektivs in griechischer Sprache fest eingebrannte englische Untertitel auftauchen. Diese sind dann teilweise nicht sehr gut zu lesen und sollen angeblich auch keine perfekte Übersetzung der griechischen Sätze sein. Alternativ dazu kann man sich aber für diese DVD komplett neu erstellte Untertitel dazuschalten, die durch einen grauen Hintergrund die eingebrannten Untertitel verdecken und somit sehr gut zu lesen sind, aber eben auch ein Teil des Bildes mit verdecken. Allerdings werden hierbei auch die wenigen französischen Sätze der Mutter mit übersetzt, was bei den eingebrannten Originaluntertiteln nicht der Fall ist. Außer der einen Tonspur in Dolby Digital 2.0 gibt es keine andere Tonoption. Die Dialoge sind allerdings größtenteils gut verständlich, gut zuhören muss man ohnehin, da in den alten wie auch neuen Untertiteln nur die Sätze auftauchen, die nicht in englisch gesprochen werden. An Extras gibt es allerdings nicht sehr viel, nur eine kleine Bildergalerie sowie den Trailer zum Film.

Direkt aus Griechenland gibt es auch noch eine DVD, über deren Qualität mir zwar nichts bekannt ist, die aber etwas mehr Bonusmaterial enthält. Das teilweise aber nur in griechischer Sprache.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 27.06.2006

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann