Film Daten

Titel:
Matrix Revolutions
Originaltitel:
The Matrix Revolutions
Land & Jahr:
USA 2003
Regie:
Andy & Larry Wachowski
Darsteller:
Keanu Reeves
Carrie-Anne Moss
Laurence Fishburne
Hugo Weaving
Mary Alice
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

Matrix Revolutions

Review

Matrix Revolutions

(Ein Kurzreview von Carsten Henkelmann)

War "Matrix" noch ein halbwegs passabler Action-SF-Streifen, verlor sich bereits "Matrix Reloaded" in pseudo-philosophischen Spielereien, die der überzogenen Action sowas wie einen Sinn geben sollte. Es wurden dort zwar durchaus interessante Aspekte angerissen, aber nur halbherzig weitergeführt, damit der durchschnittliche Joe Sixpack Zuschauer sich nicht interlektuell überfordert fühlt und weiter der Cyberspace-Boxweltmeisterschafft folgen kann.

"Matrix Revolutions" hat daraus gelernt und wirft 99% aller philosophischen Aspekte über Bord und konzertriert sich auf vier Sachen: Ballern, Kloppen, Kitsch und Pathos. Man hangelt sich von einem Kampf zum nächsten, nur jeweils kurz von einigen Ruhephasen unterbrochen, um schließlich auf ein höchst langweiliges - weil völlig vorhersehbares - Ende zuzusteuern, das die Computergrafiker noch einmal forderte. Schließlich mussten sie noch einmal richtig zeigen, welche Effekte sie in diversen Action-B-Movies abgeschaut haben und wie man ihnen einen optisch zeitgemäßen Anstrich verpasst. Währenddessen baumelte der Drehbuchschreiber bereits in einer Hängematte unter karibischen Palmen... oder wars Monkey Island? Egal, immerhin ließ er mutigerweise einen Hauptcharakter sterben.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 22.04.2004

Leser-Kommentare

21.05.2007, 16:02:04 Dietmar Kesten

THE MATRIX REVOLUTIONS

YOUR INSIDE IS OUT AND YOUR OUTSIDE IS IN.

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 5.

NOVEMBER 2003.

Die Brüder Andy und Larry WACHOWSKI legen mit „Matrix Revolutions“ jetzt den dritten Teil ihrer Trilogie vor. Hier soll nun das Werk vollendet werden: der finale Kampf gegen die Maschinen, gegen den Horrorclan und ihre Herrschaft. Neo (Keanu REEVES), Morpheus (Laurence FISHBURNE), und Trinity (Carrie-Anne MOSS) sind das letzte Aufgebot, dass sich außerhalb und innerhalb eines visionären Cyber-Overkill zu behaupten haben. Die lascive Persephone (Monica BELLUCI), Klon-Agent Smith (Hugo WEAVING) nebst Niobe (Jada PINKETT-SMITH) ziehen mit Helden und Widersachern auf die Erdoberfläche, wo erneut atemberaubendes Kinos zu sehen ist, und wo Neo und der Agent Smith auf ihre Art ihre persönlichen Probleme lösen. Es gibt eine alte mönchische Weisheit, die lautet: „Man müsse schweigen, wolle man jede Infektion mit der Welt vermeiden.“ Was für eine Position, die sich In „Matrix Revolutions“ wiederzufinden scheint. Man schweigt, weil die Ereignisse überraschend kommen, als ob man von außen käme, um im inneren eines Paralleluniversums seine Bahnen zu drehen, eventuell angreifen kann, ohne selbst dazuzugehören. Diese Dialektik der eigenen Widersprüche erfährt man auf eine seltsame Art: eine ganze Armee der Terror-Desperados haben die Idee geklont, und sind dabei, sich letztlich auf die Ja/Aber Position zu begeben, ohne dann zu erkennen, dass man falsch gestartet war. Smith, das ist die Plötzlichkeit des Ausbruchs, die der Unruhe entspricht. Und die Unbekümmertheit der Sprüche, die Naivität der Vorwürfe selbst sind zwar postmoderne Beliebigkeit, aber sie fordern Strenge und Genauigkeit in der Betrachtung, und wenn man soweit gehen kann, im Begreifen.

Die Matrix-Trilogie ist daher ein System ohne Legitimität, aber, und das erscheint wichtig, ist sie unabhängig. Sie tritt mit dem Anspruch auf, die organisierte Entschuldigung für die Tyrannei und den Despotismus zu sein. In diesem Labyrinth eine Position zu finden, ist schwierig. Doch da dieses System an ein System gebunden ist, besticht sie durch zukunftsbedrohende Veränderung, die die Gesellschaft selbst auszulösen vermag. Die Matrix ist doch nur der historische Zufall für die Nicht-Kommunikation. Ohne die Gegenstellung zur Gesellschaft ist sie nichts. Sie wäre eine Alternative ohne Alternative. Der Gegenpol ist Neo. Seine Möglichkeit zur Distanz sollte man schätzen, bevor man die eingeübten Einschätzungen unreflektiert fortsetzt. Seine menschenfreundliche Komponente ermöglicht den Zusammenbruch des Smith-Systems, auch wenn die Dialoge jämmerlich sind. Wahrlich ein gelungener Schachzug der Wachowski-Brüder.

Vielleicht neigt man gerade hier dazu, ihn als Triumphator zu sehen. Der ökonomische Erfolg bleibt ein Pyrrhussieg. Sein Sieg ist doch nur ein Fisch im Wasser um auf der anderen Seite die Siegerseite placieren zu können. Die Zukunft macht uns Sorgen. Ob mit oder ohne Matrix. Welche Lebensbedingungen werden künftige Generationen vorfinden? „Matrix Revolutions“ gibt die Antwort: eigentlich keine!! Die intellektuellen Ressourcen des Nachdenkens über den Film bieten heute wenig Perspektiven, auch wenn ich eingestehen muss, das er mich fasziniert, und zwar deshalb, weil er die Konstruktion auflöst (im Bezug zum Korrelat der gegenwärtigen filmischen Operationen). Ihn als Kunstwerk zu sichern, ist nobel.

Die postmoderne Matrix hat dafür eine Antwort parat: so weitermachen. Er wird ohne unser hinzutun Kult. Gegenüber der fassungslosen Gegenwart kündigt er stets neue Überraschungen an. Sie kommen daher als Umkehrung aller Bewertungen, die es zu ihm geben wird. Zukunft oder keine Zukunft? Größe und Ausdehnung in der Urknallblase? Hat die Matrix einen Anfang oder entstand sie aus dem Nichts? Sie versteht man nur dann, wenn man das Universum als Begriffsrahmen hinzunimmt, wenn man Dimensionen beschwört, die über das hinausgehen, was uns auf der Erde als Geometrie des Universums verständlich erscheint: seinen sichtbaren Teil.

Würde man hypothetisch mehrere Universen setzen, ein reales, ein zeitsymmetrisches und ein antimateriesches, in der sie keinen Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft machen, kämen wir der Matrix und ihrer Auflösung ziemlich nahe. Die Zukunft würde nicht mehr im Zweck liegen. Und sie ist anders als die Gegenwart, die deshalb im tiefsten Sinne destruktiv wäre. Da bereits diese Überraschungen in den beiden ersten Teilen angekündigt waren, könnte man empfehlen, von ‚Was-Fragen’ zu ‚Wie-Fragen’ überzugehen. Damit könnte die Matrix zu einer Perspektive der Beobachtung werden. Wie laufen wir in der Zeit rückwärt? Läuft sie im Raum-Zeit-Kontinuum tatsächlich vorwärts, und würden wir uns schneller als das Licht in entgegengesetzter Zeit bewegen? Wäre dann die Matrix ein Meisterwerk der Symmetrie?

Wenn wir selbst den Part der Beobachtung von Beobachtern übernehmen, würden wir quasi dem Subjekt einen größeren Spielraum für Individualität einräumen können. Denn: in die Zukunft projizierte Zustände sind, von der Matrix aus gesehen, entweder wahrscheinlich oder unwahrscheinlich. Das Individuum kann diese Differenz nur durch die Annahme von Wahrscheinlichkeit und/oder Unwahrscheinlichkeit überbrücken, in der Kombination von Symmetrie und Unvollkommenheit, was etwas von der Natur wäre. Die fiktionale Realität von Matrix dupliziert sich wie Smith, die Realität sozusagen durch eine Fiktion, oder einen Mythos. Projiziert man all das auf die gegenwärtige Zukunft und künftige Gegenwarten, dann heißt das, dass die Zeit selbst dupliziert wird. Erst wenn man über Zukunft so komplex denken kann, wie Matrix es anlegt, aber nicht zu Ende denkt, kann man sehen, wie sehr wir in welcher Weise unsere Gegenwart mit Zukunft überlasten.

Die Rückblickzeit würde aber enorme Lernmöglichkeiten schaffen. Die Geschichte der Matrix ist aufgezeichnet. Es geht darum, sie zu begreifen. Keine Seite kann sich auf Sicherheit in ferner oder naher Zukunft berufen. Die Konsequenz ist: über Zukunft kann man sich nur noch verständigen. Ob man sie leben kann, das ist fraglich. Jedenfalls bietet die Matrix und das Ende die Differenz an.

Die Zukunft der Gegenwart ist nichts anderes als ein zirkuläres Verhältnis zwischen den in der Gegenwart möglichen Entscheidungen. „Matrix Revolutions“ bietet an, in den Bereich dieser Möglichkeiten einzutreten. Philosophisch betrachtet: ein Risiko auf alle Fälle. Kopf oder Zahl: diese Paralleluniversen haben keine Gewinner oder Verlierer; denn der virtuelle Countdown hat in der Praxis schon längst begonnen.

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann