Film Daten

Titel:
Paycheck
Originaltitel:
Paycheck
Land & Jahr:
USA 2003
Regie:
John Woo
Darsteller:
Ben Affleck
Aaron Eckhart
Uma Thurman
Paul Giamatti
Colm Feore
Joe Morton
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

Paycheck

Review

Paycheck

(Ein Kurzreview von Carsten Henkelmann)

Der begabte Ingenieur Jennings (Ben Affleck) geht auf ein höchst lukratives Entwicklungsangebot eines alten Schulfreundes ein. Die einzige Bedingung: wenn die Entwicklungszeit vorbei ist, müssen aus Sicherheitsgründen alle Erinnerungen gelöscht werden. Nachdem seine Arbeit beendet ist und er sich an nichts mehr aus den letzten drei Jahren erinnern kann, kehrt er nach Hause zurück und sieht eine fette Summe auf seinem Konto. Zu dumm nur, dass nach Aussagen der Bank er selber vor nicht allzu langer Zeit einen Verzicht auf das Geld erklärt hat und sich selber nur einen Umschlag mit Krimskrams hinterlassen haben soll. Bevor er sich noch weiter aufregen kann, wird er vom FBI verhaftet, die gegen ihn ermitteln, weil ein Arbeitskollege angeblich Selbstmord begangen hat oder ermordet wurde. Während des Verhörs wird Rauchalarm ausgelöst und in der Verwirrung kann er dank einer Brille, die sich in dem Umschlag befand, flüchten. Er versucht nun herauszufinden, was er in den letzten drei Jahren entwickelt hat und warum er sich angeblich selber die scheinbar nutzlosen Gegenstände hinterlassen hat. Dabei ist seltsamerweise immer jeweils ein Gegenstand aus dem Umschlag in kritischen Situationen genau richtig, um vor Gefahren zu schützen oder bei seinen Ermittlungen weiterzukommen...

Im Vorfeld habe ich über diesen Film gar nichts mitbekommen und wußte nicht einmal, worum es eigentlich genau geht. Wie es sich herausstellte, handelt es sich bei "Paycheck" um die Verfilmung einer Geschichte von Philip K. Dick ("Blade Runner"), inszeniert von niemand geringerem als John Woo. Der Film entpuppt sich schließlich als ein größtenteils bodenständiger und auch durchaus spannender Science Fiction Hi-Tech Thriller mit einer höchst interessanten Idee als Grundlage. Zwar wird er gegen Ende etwas schwächer und vorhersehbar, logische Ungereimtheiten fallen auch auf, aber versteht es durchaus über seine komplette Laufzeit zu unterhalten. Auf große Special Effects Spielereien wie noch in der letzten Philip K. Dick Verfilmung "Minority Report" wurde hier gottlob größtenteils verzichtet, wenn auch nicht komplett aufgegeben, und für John Woo Verhältnisse sind seine Actionszenen auch diesmal nicht ganz so übertrieben opulent ausgefallen wie in seinen vorherigen Hollywood-Filmen, das konnte er zu seinen Hongkong-Zeiten ohnehin besser. Kein Meilenstein der Science Fiction, aber ein Film der durchaus für zwei Stunden grundsolide Unterhaltung bietet.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 16.06.2004

Leser-Kommentare

16.05.2007, 17:32:14 Dietmar Kesten

PAYCHECK- DIE ABRECHNUNG

JE GRÖßER DIE MASSE, DESTO DÜMMER

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 24. JANUAR 2004.

John WOO, der „Hard Boiled” (1992) inszenierte, ist in Hollywood eine feste Größe. Seinen eigentlichen Bekanntheitsgrad erreichte er jedoch durch eine Reihe anderer Filme, Filme die ihm viel Ruhm und Geld einbrachten. Erinnert werden soll etwa an „Operation Broken Arrow“ (1995), „Die Unfassbaren“ (1996), „Face/Off-Im Körper des Feindes“ (1997), „Mission Impossible II“ (2000), „Windtalkers“ (2001). Aus diesem Zwiespalt heraus entsteht öfter eine Geisteshaltung, die sich mehr oder weniger auch im Kino der Unterhaltung niederschlägt.

Mit „Paycheck“, der als SF-Thriller vermarktet wird, wird es von mal zu mal im Kino schwieriger, nachzuvollziehen, woraus derartige paradoxe Filmwerke ihre eigentliche Nahrung ziehen. Die Frage steht: was kann die ‚Lebens’-Dauer dieses Genres eigentlich noch verlängern? Bildhaft in Szene gesetzt wird Michael Jennings (Ben AFFLECK), der sich am Ende eines Jobs zwecks Wahrung der Firmengeheimnisse sein Gedächtnis löschen lässt. Als er amnesiert seine Millionen-Dollarprämie in Augenschein nehmen will, findet er nur wertloses Zeug vor: Hinweise auf seine Vergangenheit. Er ahnt nicht, dass die Gegenstände, die er sich selbst schickte, seine Zukunft bestimmen und verhindern sollen, das seine Auftraggeber ihn töten. Zu dieser gehört auch Rachel (Uma THURMAN), eine Biologin, die ihm fortan nun bei der Überwindung des Vergessens hilft.

Vieles an „Paycheck“ erinnert an den Replikantenjäger Deckard, der von Harrison FORD in „Blade Runner“ (Regie: Ridley SCOTT, 1982) gespielt wurde, vieles an Szenen aus dem „Minority Report“ (Regie: Steven SPIELBERG, 2002) und ähnliches an „Mission Impossible II“ (Regie: John WOO, 2000) und „Total Recall” (Regie: Paul VERHOEVEN, 1990). Nicht diese Nähe ist es, die schwer auf „Paycheck“ lastet, sondern der Mangel an Ideen, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Thematik des Films zieht. Im Umgang mit den Strukturen dieses Genres erweist sich WOO als wenig erfinderisch. Eine besondere Affinität zum SF-Film vermag man selbst bei einer wohlwollenden Betrachtungsweise kaum entdecken, obwohl doch gerade er als „brillanter ‚Film-Noir’ Science Fiction“ (Cinemax, Januar 2004) vorgestellt wurde.

Die Story basiert auf einer Kurzgeschichte des SF-Autors P. K. DICK, auf den sich schon Größen wie etwa SPIELBERG oder VERHOEVEN bezogen hatten. Alleine das hätte Anreiz genug sein müssen, inspirierend auf den Film zu wirken. Sind die Geschichten des Autors DICK für das populäre Kino zu kompliziert? Offenbar ist es so; denn SF hat den Geist getötet und zugleich mit seinen zerstörerischen Leidenschaften auch die Vergangenheit ausgerottet. Daher hat WOO wohl mehr darauf geachtet, dass das physische und ökonomische Wohlbefinden von AFFLECK UND THURMAN uneingeschränkt gesichert sind, und dass sie sich in ihrem irdischen Glück der Leidenschaften hingeben können. Nebenbei stellt man fest, dass die Frisur des Herrn AFFLECK perfekt sitzt, auch Frau THURMAN ist perfekt, allerdings perfekt daneben.

Eine solche schwache Leistung hat sie selten im Kino abgeliefert. Sie setzt ihr Talent verschwenderisch ein und ist in diesem artifiziellen Film nur die Besetzung einer Lücke. Während man im Kino auf das wartet, was kommen könnte, nämlich auf eine Handlung, quält man sich im Sessel und vergisst schnell, worum es geht. Dass der Film schlecht ist, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Doch es ist geradezu schockierend, dass er die selbstgeschaffenen Abbilder zu den entscheidenden Komponenten macht, die dann noch als handlungsfördernde Mittel zum Zweck eingesetzt werden.

Das Filmvorhaben ist nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Quälerei. Michael und Rachel frönen ihrer Eindimensionalität. Was sie abliefern ist Routine, die im Kino tödlich sein kann. Beispielhaft erkennt man das an den Action-Szenen. Sie sind dermaßen plump aufgesetzt, dass man sie als unspektakulär bezeichnen muss. Insgesamt sucht man vergeblich nach Anhaltspunkten und Hinweiszeichen, die die symbolische Beendigung des Films einläuten. Vielleicht ist es die obligate Taube, die durchs Bild flattert? Mit diesen bitteren Sätzen sei auch auf das Trauma verwiesen, das zum Leitmotiv für „Paycheck“ werden könnte: je größer die Masse dieser Filme ist, die von Hollywood ausgestoßen werden, desto schlechter fallen auch die Urteile aus. Das gegenwärtige Hollywoodkino ist nur zu typisch für die entliehenen Bilder, die man in all den Filmen begegnet, die das Niveau dieser Genrefilme beleben sollen.

Es ist verblüffend, wie beharrlich sich in den letzten Jahren solche Trends behauptet und verfestigt haben, teilweise sogar mit außergewöhnlicher Resonanz weiterentwickelt, modifiziert und sich schließlich sogar verfeinern konnten. An jeder Ecke ein Erfolgsfilm! Wenn dabei jedoch der IQ verlustig geht, dann rast dieses Kino mit einer Kosmonautenkugel dem Niemandsland entgegen. „Paycheck“ sollte man schnell vergessen. Zwar ist das Vergessensmaterial in uns unerschöpflich, aber manchmal ist es auch gut, diesen Dauerregen im Kino zu absorbieren, damit er nicht an die Oberfläche gespült wird.

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann