Film Daten

Titel:
Gangs of New York
Originaltitel:
Gangs of New York
Land & Jahr:
USA / Deutschland / Italien / England / Holland 2002
Regie:
Martin Scorsese
Darsteller:
Leonardo DiCaprio
Daniel Day-Lewis
Cameron Diaz
Jim Broadbent
Henry Thomas
Liam Neeson
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

Gangs of New York

Review

Gangs of New York

(Ein Kurzreview von Carsten Henkelmann)

Im Jahre 1846 stehen sich die verfeindeten "Natives" und die "Dead Rabbits" gegenüber, um endgültig zu entscheiden, wer die Macht im New Yorker Five Pionts Viertel ist. Die Natives unter der Leitung von William "Bill the Butcher" Cutting (Daniel Day-Lewis) gewinnen, der Anführer der Dead Rabbits, der Priester Vallon (Liam Neeson), kommt dabei ums Leben. Dessen Sohn Amsterdam (Leonardo DiCaprio) lebt für die nächsten 15 Jahre in einem Waisenhaus. Als er daraus entlassen wird, kehrt er sofort nach Five Points zurück. Mit der Zeit gewinnt er das Vertrauen von William Cutting, aber schließlich ist der Tag gekommen, an dem er seinen Vater rächen will...

Auch wenn man zunächst einen typischen Film über persönliche Rache erwartet, so liegen die wirklichen Ambitionen dieses Werkes doch sehr viel tiefer. Amerika, und speziell New York, wird als ein ständig aufgewühltes Land dargestellt. Der Bürgerkrieg tobt und ständig werden neue Rekruten gesucht, Abertausende von Einwanderern kommen jeden Tag von den Schiffen, was von den Einheimischen nicht gern gesehen wird. Zudem wurde die Sklaverei vor kurzem öffentlich aufgehoben, der Rassismus gegenüber Schwarzen sitzt aber immer noch sehr tief. In diesem unsteten Umfeld schlägt sich Amsterdam durchs Leben und lernt dabei den Mann, den er eigentlich töten will, immer besser kennen. Martin Scorsese schuf ein wahres Epos, dass zwar sehr vielschichtig und opulent ausgefallen ist, aber leider auf emotionaler Ebene nicht so ganz mitzureißen vermag. Ein wirklich guter Film, dem leider ein wenig der entscheidende Funke zum richtigen Meisterwerk fehlt.

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 11.07.2004

Leser-Kommentare

16.05.2007, 17:51:46 Dietmar Kesten

GANGS OF NEW YORK

SCHLECHTER GEHT ES NICHT
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 16. MAI 2007.

Über die Schauspielerei in „Gangs of New York“ sollte man schnell den Mantel des Schweigens hüllen; denn Martin SCORSESE („Taxi Driver“, 1975, „Wie ein wilder Stier“, 1979, „Farbe des Geldes“, 1986, „Good Fellas“, 1989, „Kap der Angst“, 1991, „Casino“, 1995) hat hier eine Riege versammelt, die wohl nur im Scheinwerferlicht zusammenpasst. Die als Taschendiebin hochgehandelte Cameron DIAZ ist das schwächste Glied in einem Epos, das in New York des 19. Jahrhunderts spielt und die gewalttätigen Auseinandersetzungen der irischen Einwanderer mit der ansässigen amerikanischen Bevölkerung schildert.

Nicht nur, dass sie als Gespielin von Amsterdam Valllon (Leonardo DiCAPRIO) völlig deplatziert wirkt, nein, sie bleibt deshalb blass und kurios, weil sie diese Romanze durch ihr stolzierendes Gehabe ruiniert. Ihre schon ordinäre Habgier ist zu vergleichen mit einem unbelehrbaren Vandalen, der im Konkurrenzsystem gleich zwei Grundbedingungen erfüllen muss: abstauben und ausschalten. Bei DIAZ ist das auf die Spitze getrieben: rauben und vernichten Wie SCORSESE auf die Idee kam, diese Rolle mit ihr zu besetzen, wird sein Geheimnis bleiben. Es scheint, dass sie eine gewisse Selbstzerstörung durchzieht. Und unter Schlägerbanden, Plünderern und Vergewaltigern scheint sie sich bestens einfügen zu können. Mit denen, so die Filmlogik, müsse man auf Biegen und Brechen mithalten können.

Anders ließe sich die Fehlbesetzung nicht erklären. Doch das ist nicht das einzige, was ins Auge sticht. Daniel DAY-LEWIS (als Bill the Butcher) will beweisen, dass man sich mit besonderer Brutalität in die Herzen des Publikums spielen kann. Ein Amokläufer, der außer Kontrolle gerät, der dem mörderischen Wahn unterliegt, seine Integration in Anfällen wahrhafter Wut zum sozialen Inhalt zu machen. Jeder Mensch hat das (kurze) Recht auf Berühmtheit. So spielt DAY-LEWIS auch. Als ob er sich ein letztes Mal der Öffentlichkeit zeigen will. Soll dabei sein Glasauge besonders heimtückisch wirken? DiCAPRIO reiht sich hier einfach ein.

Am Spektakel teilzuhaben, ist nicht nur hier typisch für ihn. Er dringt in den Bereich der Einfallslosigkeit vor, um seine Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte New Yorks um 1860 zum Ausdruck zu bringen. So wie der Star an ein Publikum gebunden ist, so ist das Publikum nur durch den Star dieser Teilhabe fähig. Wenn im Film aber die Öffentlichkeit aus dem Star und seinem Publikum besteht, dann hat jeder auch die Möglichkeit, Publikum wie Star zu sein. Die Rache Amsterdams, die den eigentlichen Gewaltschub in Szene setzt, ist gleichzusetzen mit einem schlagenden Männerbund, in dem sie schon fast verherrlicht erscheint. Der Kreislauf der Gewalt setzt alle Energien frei, die nun endgültig ins System überführt werden können.

Zum Gewaltbeherrscher wird man hier, weil man keine andere Wahl hat, weil man arm und ungebildet ist, weil es der Eruption egal ist, ob man uniformiert ist, zivilisiert oder gedrillt. Die Gewalt ist ein Schreckensbild. Alle Positionen in „Gangs of New York“ sind in Gewalt gesetzt und mit ihr unterlegt. Sie ist sozusagen vollständig verinnerlicht. Ob SCORSESE damit aber tatsächlich die amerikanische Gesellschaft charakterisieren kann, muss fraglich bleiben. Denn Ausgrenzung, Verelendung, Korruption und Kriminalität kann man erst dann transparent machen, wenn die politischen Verhältnisse nicht als Konfliktvererbung oder simple Rachefeldzüge dargestellt werden.
Schließlich haben Produktionsmittel, Produktivverhältnisse und Produktionsmittelbesitzer historisch zunächst einen anderen Stellenwert; denn es geht um die Ware als entscheidende Kategorie für Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt.

Das klammert SCORSESE wohlweislich aus. Selbst die Zwangsrekrutierung für den amerikanischen Bürgerkrieg erscheint absonderlich. Die unmittelbare Eskalation der Gewalt führt er darauf zurück. Eine subtile Analyse, die zudem noch falsch ist. „Gangs of New York“ bleibt an der Oberfläche. Der Film erklärt nichts, will vielleicht auch nichts erklären, womöglich nur andeuten. Selbst dabei macht er aus dem Publikum einen Narren. Aber warum dann dieser Film? Fazit: Die Gang in New York hat wenig mit der wahren Geschichte der irischen Einwanderer zu tun. Der Film ist nur ein Bilderbogen der Gewalt und der Vergeltung. Und so dreht er sich bis zum Ende der Welt.

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann