Film Daten

Titel:
Van Helsing
Originaltitel:
Van Helsing
Land & Jahr:
USA / Tschechische Republik 2004
Regie:
Stephen Sommers
Darsteller:
Hugh Jackman
Kate Beckinsale
Richard Roxburgh
David Wenham
Shuler Hensley
Elena Anaya
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

Van Helsing

Review

Van Helsing

(Ein Kurzreview von Carsten Henkelmann)

Vom Vatikan wird der Dämonenjäger Van Helsing (Hugh Jackman) beauftragt sich nach Transylvanien zu begeben, um dort den Vampir Dracula (Richard Roxburgh) zur Strecke zu bringen, bevor er die letzten Mitglieder der Valerious-Familie tötet, die den Vampir seit Jahrhunderten jagt. Bei seiner Ankunft in Transylvanien, begleitet von dem Ordensbruder Carl (David Wenham), wird er schon gleich mitten ins Geschehen geworfen, als Draculas Bräute Anna Valerious (Kate Beckinsale) entführen wollen. Durch sein Eingreifen schlägt dies fehl und gemeinsam versuchen sie nun einen Plan gegen Dracula zu entwickeln. Der plant nämlich mit den Forschungserkenntnissen des verstorbenen Frankenstein Tausende von Nachfolgern zu züchten..

Drehbuch und Regie dieses Films stammen von Stephen Sommers, der mit "Die Mumie" ein aufpoliertes Remake des alten Horrorklassikers hervorbrachte und so weltweit bekannt wurde. Das er auch ein Fan der anderen alten Universal-Monster Dracula, Frankenstein und dem Wolfsmenschen ist, verdeutlicht er mit "Van Helsing", wo er einfach alle zu einem bunten Comicreigen vereinte und dies wohl offensichtlich als moderne Hommage an die alten Klassiker interpretierte. Dies gelang aber nur bedingt, denn wer ein Fan der von Bela Lugosi, Boris Karloff und Lon Chaney jr. dargestellten Monster ist, der wird beim Betrachten dieses Film wohl vor lauter Zähneknirschen sein komplettes Gebiss verlieren oder in ein zweistündiges Turret-Syndrom verfallen. Die über Jahrzehnte von Horrorfans liebgewonnen Kreaturen verkommen hier zu billigen CGI-Karrikaturen ohne Charisma. Selten hat man einen so farblosen Dracula gesehen, Richard Roxburgh ist kein Bela Lugosi, kein Gary Oldman und schon gar kein Christopher Lee. Der Wolfsmensch verkommt einfach nur zur einer reißerischen Bestie, lediglich Frankensteins Monster behielt ein wenig von der tragischen Traurigkeit des alten Originals bei. Ganz übel wird es mit dem Mr. Hyde zu Beginn des Films, der durch seinen Körperbau und seinen Bewegungen mehr an eine Mutation aus dem Hulk und einem Orang-Utan erinnert.

Auch wenn der Film sich bewußt an anderen, älteren Filmen orientiert und ihnen somit Tribut zollen möchte, so ist es doch schon fast wieder dreist, wieviel und offensichtlich sich das Werk bei unzähligen anderen Filmen bedient, ja geradezu klaut und es nur in einer anderen Verpackung präsentiert. Zudem gibt es Logiklöcher in Massen und der Film hält sich nicht mal an die eigenen Gesetze. Besonders bemerkenswert für einen Film mit lauter Horrorfiguren ist auch, dass er zu keiner Sekunde den Ansatz von Horror oder Gänsehaut erzeugt. Man hat es hier vielmehr mit einem Comic-Actionfilm zu tun, in dem vor allem die Computergrafiken dominieren. Dies gerät dem Film zwar in den Punkten Optik und Effekte zum Vorteil, allerdings hat man des öfteren das Gefühl man schaue sich ein überlanges gerendertes Intro des neuesten PC-Spiels an. Auch wenn es wahrscheinlich genug Fans gibt, die sich nicht an den ganzen Sachen stören und einfach den Film als buntes, gehirnloses Action-Horror-Potpurri genießen, so hat er für mich doch komplett auf ganzer Linie versagt. Die einzige halbwegs stimmungsvolle Sequenz im ganzen Film ist der in schwarz-weiß gehaltene Vorspann. Gibt Euer Geld lieber für andere, bessere Filme aus, "Van Helsing" ist ein einziges großes Ärgernis...

Autor: Carsten Henkelmann
Film online seit: 13.09.2004

Leser-Kommentare

16.05.2007, 18:15:18 Dietmar Kesten

VAN HELSING

GIPFELTREFFEN DER PARANOIA

von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 7. MAI 2004.

Der Vampirjäger Van Helsing tauchte erstmalig in „Bram Stoker’s Dracula“ (Regie: Francis Ford COPPOLA, 1992) auf. Und er erklärte dort: „Mein Leben, mein Job, mein Fluch ist es, das Böse zu vernichten.“ Der größte Vampirjäger aller Zeiten tritt im gleichnamigen Film als Erlöser, wahrer Helfer und Todesengel auf. Er ist entschlossen bei seinem neuen Auftrag, der ihn nach Transsylvanien führt, seiner Bestimmung nachzukommen. Dort hat Dracula (Richard ROXBURGH) Frankensteins Monster entführt. Mit seiner Hilfe will er einen Keller mit Vampirlarven zum Leben erwecken. Und so erweckt der moderne James Bond sie, um sie mit Waffen, Knoblauch, Holzpflock, Kruzifix und Silberkugel gleich wieder zu killen. Gleichzeitig plagt er sich mit weiteren Legenden aus dem Bereich des „literarischen Gruselkabinetts“ (so der „Prinz“ in seiner Mai Ausgabe) herum. Mit von der Partie sind Dr. Jekyll Mr. Hyde, Dracula, Frankenstein (Shuler HENSLEY), Draculas Bräute, Wolfsmenschen, Vampire, Dämonen, Hexen und weitere Gestalten aus dem Monstermuseum. Unterstützt wird Hugh JACKMAN, der im Film „Van Helsing“ einen Solopart hat, von der Aristokratin Anna (Kate BECKINGSALE), und dem schrulligen Carl (David WENHAM).

Der Film, der ein Budget von ca. 148 Millionen Dollar aufweist, wurde nahe Prag gedreht, und diese dunkle Story sagt viel über die Mythologie im Kino aus. Für JACKMAN ist es nicht die erste Rolle, in der er, die Gehirnbühne betretend, mit Provokationen und dann mit Konfrontationen aufwartet. Bereits in „X- Men - Der Film“ (Regie: Bryan SINGER, 2000) geisterte er als Mutant ‚Wolferine’ durch eine fade Story. Und sehr bald wurde klar, dass diese kommerzielle Schiene Nachfolger haben musste; denn für die deutschen Kinogänger musste der Kinospaß ohne Nörgelei und Muckerei im Vordergrund stehen. „X- Men 2“ (Regie Bryan SINGER, 2003) war daher nur eine Frage der Zeit. Und der Publikumserfolg dieser Folgen, die als Entsprechung zur technisch-wissenschaftlichen Zivilisation sich warnend emporhoben, waren dann bei näherem Hinsehen doch nichts anders als eine Ansammlung irrealer Elemente (technische Spielereien, Science-Fiction) von Mythen und phantastischen Erzählungen.

Der Mythos der Monsterkiller ist unbestreitbar ein Produkt unserer Zeit und des Zeitgeistes. In dem angstvollen Umgang mit Normalität und Wahnsinn, ziehen diese unheimlichen Figuren bereits seit 1931 durch die Kinos. „Frankenstein“, dessen Geschichte von James WHALE 1931 verfilmt wurde, hatte als zentrales Leitmotiv die Erschaffung eines künstlichen Menschen und der Bestrafung einer solchen Hybris zum Inhalt. 1935 verdichtete sich das Drama noch einmal in „Frankensteins Braut“. Diese Filme, die als Pionierwerk des Gothik- Grusel gelten dürfte, hatte die Gestalt des Monsters in die Bilder der Prager Altstadt gepackt. Hier trieb es der Filmemacher mit dem ausgeprägten Hang zur Verrätselung und Mystizismus auf die Spitze, und beschwor eine Welt der Imagination, in der die projizierten Geister übermächtig erscheinen. Auch die „Frankenstein“ Reihe (1931- 1939) mit dem überragenden Boris KARLOFF ruft in Erinnerung, dass hier vermessene Wissenschaftler monströse Geschöpfte nur zu ihrem Selbstzweck (er-)schaffen.

„Van Helsing“ ist nun der ehrgeizige Versuch, diese vielgeschmähten dämonischen Leinwandabenteuer endlich in die Nähe der verweigerten Anerkennung und der Aufmerksamkeit zu rücken. Die Spannungshöhepunkte sollen durch die Actionseinlagen gehalten werden, und die auftretenden Monster, die als grausam-destruktive Wesen konzipiert sind, finden hier eine Parallele zur stetig emotionalen Lenkung der Zuschauer. Das, was sich im 19. Jahrhundert in den populären Mythen herausgeschält hatte, in der Hässlichkeit, in dem Geheimnisvollen, in der Perversität, kann hier Gestalt gewinnen. Der Populärmythos einfacher Kategorie entsteht auf diesem Boden.

Stephen SOMMERS („Gunmen“, 1994, „Die Mumie“, 1999, „die Mumie kehrt zurück“, 2001, „The Scorpion King“, 2002), der hier mit einer Effektshow antritt, um Dracula um das ewige Leben zu bringen, der seinen besten Mann mit Stil, Outfit und Waffen in eine Treibjagd schickt, und der alte Legenden wiedererweckt, investiert hier mehr in die Symbolsprache eines Films, der von Schuss- Gegenschuss, Außen- und Innen lebt, Oben- und Unten- bis zum Finale hin. Es sind kurze Episoden einer trügerischen Idylle, die sich mit jener symbolischen Bedeutung decken, die in ähnlichen Filmen (vgl. etwa „Interview mit einem Vampir“, Regie: Neil JORDAN, 1994) thematisiert wurden, und die sich auf einen einfachen Nenner bringen lassen: der Einbruch des Übernatürlichen, das Gefühl der Verunsicherung, die phantastischen Ereignisse brechen einfach über uns herein, und wir können uns nicht dagegen wehren.

In „Van Helsing“ verbinden sich angstvolle Erwartung und drohende Katastrophe; denn mit dem Erscheinen der Monster bildet sich eine ‚Normalität’ heraus, die in den florierenden Horrorfilmen das Sensationsbedürfnis des Publikums bestens zu befriedigen scheint. So ist zu erklären, dass der Horror-, der Splatter-, oder der Gothik- Film davon lebt, dass er in einer Zeit den Kinozuschauern vorgesetzt wird, wenn die Arbeitsplätze in Gefahr sind, die Verhältnisse zur politischen Macht gespannt sind, und die wirtschaftlichen nebst psychologischen Grundlagen der Familien bedroht sind, insgesamt alles in Aufruhr erscheint und nichts sicher ist. Nicht anders dürfte es zu erklären sein, dass Ängste und Aggressionen in einem bisher nie gekannten Ausmaß im phantastischen Film auf die Besucher niederprasseln.

„Van Helsing“ reiht sich dort ein, wo in die Phalanx der älteren Werke eingebrochen werden soll. Neben „Frankenstein“ war es „Dracula“ von Tod BROWNING (1930), „Dr. Jekyll und Mrs. Hyde“ (Rouben MAMOULIAN, 1931), „King Kong und die weiße Frau“ (SCHOEDSACK/COOPER, 1931), die durch eine Reihe von heutigen Gemeinsamkeiten zu Stephen SOMMERS auffallen: in allen Filmen wird der Einbruch eines gefährlichen Halbwesens in die bestehende Ordnung dargestellt. Die Wiederherstellung der Ordnung kann nur durch den ‚Master of Desaster’ bewerkstelligt werden: durch die Zerstörung der Eindringlinge. Die Halbwesen, künstliche Menschen, Vampire, gespaltene Persönlichkeiten, Menschenaffen (King Kong) dienen als Projektionsfigur für diffuser menschlicher Ängste.

Diese Ängste (von einer außer Kontrolle geratenen Moderne, moderne Wissenschaften etc.) sind der gemeinsame Kristallisationspunkt jener Filme, die die unerwartete Wiederkehr (als bildliche Chiffre verstanden) eines durch den Zivilisationsprozess überwunden Geglaubten, wie er sich in der Gestalt dieser Halbwesen verkörpert, des Schreckens manifestiert. Das ist pure Regression, Regression als Selbstzweck. Und diese Regression wird in „Van Helsing“ als Wiederkehr der verdrängten Urträume transparent gemacht. Die Lektionen des Schreckens, die hier erteilt werden, stellen sich als die Zerrissenheit des modernen Menschen dar, als zerstörte Einheit von Leib (Natur) und Geist (Seele).

Der Irrationalismus der verschiedenen Spielarten hat sich im übrigen in der gesamten modernen Filmgeschichte als spirituell geoutet, und stets das Gefühl und den Instinkt angesprochen. Die Misere der modernen Welt wird in diesen Filmen nicht auf den materiellen-gesellschaftlichen Widerspruch zurückgeführt, sondern auf eine Überreizung mit dem Kult der Gefühle und des Körpers. Da wundert es niemanden mehr, dass dieser ‚Verkopfung’ hier im Film mit dem Dunkelschöpferischen schwanger geht, dass der Geist als lebensmörderisch verpönt, jetzt munter in das Seelendunkle marschiert, als Aufbruch zu neuen Ufern, um Abenteuer zu erleben, wie es gekonnt der expressionistische Stummfilm „Nosferatu“ (Regie: Friedrich Wilhelm MURNAU, 1921) zur Geltung brachte.

„Van Helsing“ beweist nur, wie schlecht Mystifikation für den menschlichen Geist ist. Offensichtlich reicht es nicht mehr, ein gutes Herz zu haben, wenn es als kalt und lebensmörderisch diffamiert wird. So frönt diese Gothik- Renaissance, diese Filmszene, die neoreligiösen Tendenzen, in jeder Hinsicht dem Transzendenten, dem Unerklärlichen, dem irrational-verbrämten in der Moderne. „Van Helsing“ zeigt, wie fragwürdig der reine Konsum dieser mystifizierenden Filmganzheit sein kann. Wer heute im Film Eindruck machen will, inszeniert sich als sensitiver Körpermensch mit einem dekorativen Vorrat an Gebärden, an Figuren, an Posen, an Sprüchen, an Unholden und Monsterfiguren.

Das Paranomale schließlich vollendet die Hinwendung Des uralten Wissens mit der lebendigen Seele, in der auch nach der Quersicht dieses Films die emotionale Erkenntnis’ Platz haben muss. Diese Botschaft ist nicht verschlüsselt. Und der Code dieser Symbolik ist mit rationalem/ philosophischen Verstand zu knacken.

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann