Film Daten

Titel:
Indien
Originaltitel:
Indien
Land & Jahr:
Austria 1993
Regie:
Paul Harather
Darsteller:
Josef Hader
Alfred Dorfer
Maria Hofstätter
Roger Murbach
Ursula Rojek
Karl Markovics
Linde Prelog
Karl Künstler
Wolfgang Böck
Proschat Madani
Rupert Henning
Christian Weinberger
Ranjeet Singh
Alternativtitel:
India
Weitere Infos:
IMDB  OFDB

DVD Daten

DVD Cover - Hoanzl, E&A
Label:
Hoanzl, E&A
Regionalcode / Norm:
0 / PAL
Bild / Zeit:
1.78:1 / 89
Sprachen/Ton:
Deutsch - DD 2.0
Untertitel:
Deutsch, Englisch
Extras:
  • Trailer
  • Die Lesung
  • 6 TV-Berichte
  • Short Cuts

Indien

Review

Indien - Logo

(Ein Review von Florian Bultmann)

Mittendurch durch Österreich: Kurt Fellner (Alfred Dorfer) und Heinz Bösel (Josef Hader), zwei Angestellte der österreichischen Regierung mit dem Auftrag Wirtshäuser und Gaststätten zu inspizieren. Der eine ein Klugscheißer, der bekloppte Weisheiten vor sich hin plappert, der andere ein Grantler, der einen Fotz zieht wie sieben Tage Regenwetter und erst nach langer Fahrt zum ersten Mal das Wort an seinen neuen Kollegen richtet: "De Wirt san olle Trottln!" Beste Startaussichten also. Aber man gewinnt sich spätestens dann lieb, wenn man merkt, dass man nebeneinander schei*en kann, und schöpft dadurch auch Hoffnung, wenn der Tod schon vor der Tür steht...

Indien - ScreenshotIndien - Screenshot

Alles beginnt in der trüben Hauptstadt, in der Heinz Bösel wartend im Auto sitzt und zum ersten Mal auf seinen neuen Kollegen Kurt Fellner trifft. Mit ihm wird er ab nun Tisch und Dienstwagen teilen, um im Auftrag der österreichischen Landesregierung Gastronomiebetriebe auf Hygiene und Service zu überprüfen. Beamtentum on the road, sozusagen. Bei der Kommunikation hapert es aber gleich mal ordentlich: Fellner versucht mit seinem Mitarbeiter ins Gespräch zu kommen und gießt ihm lauwarmen Small-Talk-Quatsch über Wetter, Land und Leute geradezu in die Ohren. Allerdings ist Herr Bösel ein schlechtes Ziel für eine "lockere Plauderei", der sitzt nämlich nur hinter dem Steuer, zieht ein gelangweiltes Gesicht und spricht kein einziges Wort. Sein Gegenüber völlig zu ignorieren ist er anscheinend schon mehr als geübt.

So dauert es auch bis zur ersten Gaststätte, bis Bösel endlich den Mund aufmacht: "De Wirt san olle Trottln... ois Trottln, de Wirt..." Die herrlich flapsige Musik von Ulrich Sinn setzt für diese wichtige Klarstellung auch gerne mal eine Sekunde lang aus. Danach dreht sich die Situation um: Der plötzlich überaus gesprächige Bösel wird vom trotzigen Kollegen kein bisschen beachtet. Fellner setzt sich demonstrativ seine Köpfhörer auf und hört Musik, während Bösel noch mitten im Wort ist und versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fellner nimmt Rache, gefangen im stehenden Auto vor einer Bahnschranke. So beginnt die ganze Geschichte - und auch wenn mit dem vorbeirasenden Zug jetzt groß der Titel Indien ins Bild rutscht, hat der aufmerksame Zuschauer spätestens beim ersten Schnitzelfressen eines bemerkt: In Indien sind wir hier ganz sicher nicht.

Zitat

Ich freu mich schon auf den Sommer, ein bisschen draußen sitzen, herumtollen, tanzen... Obwohl ich glaub, so richtig den Rhythmus im Blut haben eh nur die Neger.

Harte Zeiten müssen überstanden werden, also machen sich die beiden weiter ans kennen lernen. Eigentlich sollte die alkoholgeschwängerte Atmosphäre eines Wirtshauses doch eine gute Starthilfe geben, aber da wären wir schon mal beim ersten grundsätzlichen Problem: Der gute Herr Fellner trinkt nämlich nur frisch gepressten Orangensaft. Er raucht auch nicht und schenkt seiner Freundin zu Weihnachten "Nützliches" wie einen Mixer. In seiner Funktion als Beamter ist er pedantisch und unbestechlich, Schmutz und Müll im Dienstwagen sind für ihn ein Tabu. Kurz gesagt ist Kurt Fellner ein totaler Spießer, der auch noch gerne träumerische Weisheiten von sich gibt wie: "In Indien, da essen die Leute ja überhaupt nur Reis. Sitzen auf der Straße, essen Reis, lachen, manche verhungern... das muss irgendwie eine ganz eigene Landschaft sein." Dieser Mensch sitzt nun tagtäglich mit Heinz Bösel im selben Auto, der so ziemlich das genaue Gegenteil von ihm ist. Bösel ist eigentlich ein ziemlich armer Hund. In jungen Jahren wurde er nach einem Sexabenteuer Vater und hat die Mutter als anständiger Kerl natürlich geehelicht. Allerdings entpuppte sich der Sohn später als Kuckucksei, der wirkliche Erzeuger war jemand anders. Trotzdem blieb er verheiratet, konnte den (zumindest materiell) hohen Ansprüchen seiner Frau aber nie gerecht werden. Seit Jahren fährt er als Staatsangestellter im dreckigen Wagen auf Dienstreise und streicht bei seinen Kontrollgängen gerne mal ein paar Weinflaschen als kleines Dankeschön für ein oder zwei zugedrückte Augen ein. Selbst bezeichnet er sich als "Cowboy", aber Fellner gibt sich während eines Streits alle Mühe, das Weltbild seines Kollegen gerade zu rücken: "Irrtum, Herr Bösel! Sie sind ein Versager!"

Die meisten Annäherungsversuche der beiden landen nun dank dieser grundsätzlichen Unterschiede auch gerne mal im Chaos. Ein Gespräch nach dem anderen versandet oder artet aus, denn die beiden finden einfach keinen Draht zueinander. Die Erzählweise ist hierbei sehr episodenhaft und springt von einer dieser Situationen zur nächsten. Szenen, in denen eine der beiden Figuren alleine ist oder mit einer weiteren Person zu tun hat, gibt es besonders in der ersten Hälfte des Films so gut wie gar nicht. Alles konzentriert sich also nur auf die beiden skurrilen Beamten. Eine Möglichkeit, trotz aller Differenzen doch noch zur trauten Zweisamkeit zu finden, gibt es, als Fellner seine Freundin doch glatt beim Fremdgehen erwischt. Seine heile Welt gerät so sehr ins Wanken, dass er Orangensaft und Ordnungsliebe gegen Alkohol und Böselsche Dienstauffassung eintauscht. Im Dauersuff poltern die beiden von Betrieb zu Betrieb und ziehen die dortigen Chefs um literweise Fusel ab. Irgendwo zwischen Weinflaschen, Bierdosen und Schnapsgläsern freunden sie sich aber endlich an und werden ein Herz und eine Seele. Gerade das Ablegen des Siezens ist hierbei besonders witzig und tatsächlich rührend in Szene gesetzt: Während Fellner auf dem Hotelgang steht, sitzt Bösel hinter einer der Türen auf dem Topf und verrichtet sein Geschäft. Nach einem Gespräch über Größenkomplexe und hoffentlich nur psychosomatische Potenzprobleme lässt Bösel seinen Gefühlen freien Lauf: "Herr Fellner... wissen S’, dass Sie der einzige Mensch san - seit meiner Mutter - neben dem i schei*en hab können?" Nach dem Betätigen der Klospülung kommt er heraus, bietet seinem neuen Freund das Du-Wort an und umarmt ihn erleichtert. Also wenn das mal kein Kompliment ist!

Indien - ScreenshotIndien - Screenshot

Gleich darauf, im wohl schönsten und leichtesten Moment des Films, tanzen Heinz und Kurt während des Sonnenaufgangs auf einer einsamen Landstraße zu indischer Musik. Einer der beiden verletzt sich allerdings in seinem Übermut an einer überaus heiklen Stelle, was bei einer ärztlichen Untersuchung etwas schlimmes ans Tageslicht befördern wird. Natürlich erfährt der Patient als letzter von seinem Schicksal... Ab hier (etwa die Hälfte des Films) nimmt Indien eine deutlich dramatischere Entwicklung, bei der der melancholische und schwarze Humor aber nicht abhanden kommt. So schleichen sich die zwei auch gerne mal nachts in die Leichenhalle des Krankenhauses, wo sich der "Todgeweihte" schon mal eine gut gelegene Kammer aussucht, oder stellen wichtige Überlegungen an: "Soll ich mich verbrennen lassen? Das Problem ist, ich hab so Platzangst. Gefühlsmäßig ist einer Asche in einer Urne weniger eng als einer Leiche in einem Sarg." Man sieht: wenn der Tod naht, wird umso leidenschaftlicher philosophiert - und ganz nebenbei wächst man sogar noch mehr zusammen.

Indien ist einer der wenigen Filme, die ich mir seit Jahren immer wieder und wieder ansehen kann. Regie, Darsteller, Musik, ... hier passt einfach alles. Zu Recht feierte er in Kino und Fernsehen große Zuschauererfolge. Schade, dass diese Produktion jetzt wohl eher ins Nachtprogramm des Österreichischen Rundfunks wandern würde, aber da ist sie ja auch nicht die einzige... Dabei hat Indien seine "massentauglichen" Attribute natürlich heute noch: Eine schlichte Erzählweise und Bebilderung, die aber trotzdem spannend und höchst unterhaltsam ist. Da gibt es kein überschüssiges Fett in der Handlung, keine verquatschten und in die Länge gezogenen Dialoge, die einen faden Eindruck hinterlassen würden. Man kann sich ohne Hindernisse auf die beiden Hauptfiguren konzentrieren, deren sonderbares Verhalten vor allem eines ist, nämlich auf sehr einfühlsame und amüsante Weise dargestellter Alltag. Trotz aller Blödheiten, die den Beamten mitunter über die Lippen kommen, wird nicht derbe auf sie eingeprügelt, und trotz der traurigen Wendung in der Mitte des Films wird hier kein Leiden zelebriert, wie im oft so übermäßig pathetischen "Betroffenheitskino". Es geht nicht um ein Beglotzen zweier Idioten oder um ein Geheule über das ach so grausame Schicksal. So ist die größte Leistung dieser Tragikomödie und Satire über das alltägliche Leben und Sterben wohl, dass auch der Zuschauer am Ende erleichtert sagen kann: "So is des, net?" Tja, das Leben ist ein Wahnsinn - der Tod wohl irgendwie auch: So sei dieser Film besonders jenen Menschen ans Herz gelegt, die wissen, dass man auch über ihn überaus gute Witze machen kann.

Zitat

Aber ich find das schön, dass du jetzt bei mir sitzt und net a anderer... Weilst nix verstehst und des is schön...

Indien basiert auf dem gleichnamigen, ca. einstündigen Theaterstück von Alfred Dorfer und Josef Hader, das 1991 seine Uraufführung hatte. Bis heute wurde es in vier Sprachen übersetzt und mehrmals im In- und Ausland aufgeführt - natürlich nicht mehr mit Dorfer und Hader in den Hauptrollen, die beiden hatten und haben ja noch genug anderes zu tun: Vor dem Erfolg mit Indien war Alfred Dorfer Gründungsmitglied der Kabarettgruppe Schlabarett, die von 1984 bis 1992 auf den österreichischen Bühnen aktiv war. Aus einem ihrer Programme entstand 1993 der Film Muttertag, der einige Zeit nach Indien in die Kinos kam. Ab diesem Jahr betrat Dorfer auch mit seinen Soloprogrammen die Bretter dieser (österreichischen) Welt. Regelmäßig war er weiter in Kinofilmen zu sehen, wie zum Beispiel Freispiel (1995), Wanted (1999) und Ravioli (2003). Von 1998 bis 2003 spielte er mit seinem ehemaligen Schlabarettkollegen Roland Düringer in der TV-Serie MA 2412, einer Holzhammersatire auf das österreichische Beamtentum. Daraus entstand der Film MA 2412 - Die Staatsdiener. Seit 2003 läuft auf ORF und 3sat seine Show Dorfers Donnerstalk. Sein erstes Buch "Wörtlich - Satirische Texte" erschien Anfang 2007. Josef Hader ist seit den frühen 80ern auf den Kabarettbühnen unterwegs. "Privat" (Premiere 1994) gilt in Österreich bis heute als meistbesuchtes Kabarettprogramm. 10 Jahre lang ging er damit auf Tour, aber mit diversen Unterbrechungen für Kino- und TV-Produktionen. Zu sehen war er unter anderem in Der Überfall mit Roland Düringer (2000), Blue Moon (2002) und den beiden Romanverfilmungen Komm, süßer Tod (2000) und Silentium (2004). Mit Der Knochenmann ist für 2007 die dritte Adaption eines Romans von Wolf Haas angekündigt.

Inzwischen gibt es vier verschiedene DVD-Veröffentlichungen, von denen jeweils zwei in etwa identisch sein sollten. Die "Ur-DVD" aus der Reihe "Best of Kabarett" (www.hoanzl.at) bietet neben dem Hauptfilm eine Lesung des Stücks, einige TV-Berichte und Short Cuts, den damaligen Kinotrailer, sowie hochdeutsche und englische Untertitel. (Die hochdeutschen UT lege ich jenen ans Herz, die das Österreichische/Wienerische nicht gewohnt sind, ansonsten wird man Bösels Gemurmel etwas ratlos gegenüberstehen. Zu beachten ist aber, dass wirklich nur die schwierigsten Begriffe übersetzt werden und nicht sämtliche Dialoge; die deutschen UT sind im Gegensatz zu den englischen also auch für Hörbehinderte vollkommen ungeeignet.) Weiters findet sich der Menüpunkt "Drehbuch" auf der DVD, hier wird allerdings nur darauf hingewiesen, dass man sich dieses auf der Internetseite www.kabarett.at kostenlos herunterladen kann. Bei den TV-Berichten handelt es sich um sechs kurze ORF-Beiträge. Hier kann man Alfred Dorfer und Josef Hader beim Vorbereiten auf eine Vorstellung beobachten, ihnen beim Sinnieren zuhören, ob Indien einen Oscar gewinnen könnte, und sich über die grausamen Frisuren wundern. Nachdem man in einem der Berichte Ausschnitte aus einer wirklichen Vorstellung (also nicht nur einer Lesung) zu sehen bekommt, stell sich mir gleich mal die Frage, ob da nicht in irgendeinem Archiv eine komplette Aufzeichnung zu finden sein könnte... Ein wenig enttäuscht bin ich von den gebotenen Aufnahmen der Lesung im Wiener Audimax. Zu sehen sind hier nämlich nur sechs Highlights (= die Szenen mit den markantesten Sprüchen) aus dieser Veranstaltung, bei der Hader und Dorfer zusammen mit Karl Künstler den Text des Stücks vortrugen (Künstler übernahm hierbei die Rollen des Erzählers und etwaiger Nebenfiguren; im Film spielte er übrigens den Wirt, der vom völlig besoffenen Fellner mit Schnaps angeschüttet wird). Diese Ausschnitte müssen auch noch alle einzeln im Menü angewählt werden und können nicht in einem durch abgespielt werden. Die "Short Cuts" sind leider auch nur ein Zusammenschnitt aus einigen Filmszenen, weswegen die Special-Sektion doch etwas dürftiger ausfällt, als man zuerst glauben könnte. Die Anschaffung dieser DVD lohnt sich aber trotzdem. Die Veröffentlichung der deutschen Firma Absolut Medien (www.absolutmedien.de) dürfte dieser DVD gleichen.

Indien - ScreenshotIndien - Screenshot

Abgespeckte Versionen (also ohne Specials) gibt es im Rahmen der SZ-Cinemathek der Süddeutschen Zeitung und der "Edition Österreichischer Film" der Tageszeitung Der Standard und dem Österreichischen Filmmuseum. Vorsicht ist hier bei den Untertiteln geboten: Die SZ-DVD hat anscheinend überhaupt keine UT, die andere wiederum nur englische und französische. Die französischen UT sind hierbei etwas besser (so weit ich das mit meinem unterentwickelten Französisch beurteilen kann), die englischen sind mitunter etwas holprig formuliert, aber vielleicht ist das Absicht...?

Autor: Florian Bultmann
Film online seit: 16.05.2007

© 1998 - 2017: Sense of View / Carsten Henkelmann